Suche

BLUENECK live und in Farbe: milchig-weiß bis graumeliert

1. Mai 2010

Nein, Blueneck ist keine farbensprühende Testosteron-Rockband. Die fünf jungen Männer aus dem britischen Bristol bauen in ihren atmosphärischen Songs, die man am ehesten noch dem Post Rock zuordnen könnte, eine dünne Milchglasscheibe auf, die sie hin und wieder brachial auseinanderscheppern. Und das tun sie mit allerlei Hingabe.

Wir trafen uns nach dem Auftritt der Band in Chemnitz, am 4. Februar, dem Geburtstagsabend von Sänger Duncan, auf ein kleines Gespräch [beinahe ungekürzter Originaltext HIER]. Es war kein überragender, aber ein durchaus guter Gig, welcher insbesondere die Band selbst überrascht hatte, zumindest das Drumherum, denn Chemnitz an sich ist nicht gerade als Hochburg der postrockliebenden Subkultur bekannt…

Ben (bass): Immanu El haben hier gespielt und waren nicht gerade begeistert…

Die haben aber im Subway to Peter gespielt, einer viel kleineren Location als dem Weltecho…

Duncan (vocals, keys, guitars): Bevor wir Deutschland getourt haben, spielten wir in unserer Heimatstadt Bath. Da trafen wir eine amerikanische Band, die vor kurzem auch in Deutschland war. Sie haben uns gefragt, wo wir so spielen würden und da habe ich Chemnitz erwähnt… und sie lachten! Um ehrlich zu sein ist das hier aber die perfekteste, professionellste Spielstätte, wo wir letztens gewesen sind!

Ben: Der Sound war toll, guter Soundmann! Wir wurden sehr nett behandelt und ein Drecksloch ist das hier nun wirklich nicht. Aber viele Leute denken das.

Duncan: Da haben sie sich geirrt!

Der Sound war in der Tat sehr gut an diesem Abend, wie so oft bei Weltecho-Konzerten. Gespielt wurden hauptsächlich Stücke vom im Februar auf dem Festland erschienenen Album „The Fallen Host“. Bereits 2009 wurde dieser Zweitling in UK über EMI veröffentlicht. In Deutschland kümmert sich seit neuestem das grandiose Label Denovali Records um Blueneck…

Duncan: Ich weiß nicht wie’s bei den anderen aussieht, aber ich persönlich hatte vorher noch nie von Denovali gehört. Sie haben uns etwa eineinhalb bis zwei Jahre vor Veröffentlichung unseres zweiten Albums kontaktiert und wollten was mit uns zusammen machen. Sie mochten unser erstes Album und ich kam in Kontakt mit Timo. Ich mochte die Leidenschaft des Labels und natürlich haben sie viele gute Bands im Kader.

Ben: Bei ihnen geht es nicht so sehr um Geld; Timo tut die Sachen vor einem anderen Hintergrund.

Rich (guitars): Was Blueneck angeht so zeigte er mehr Leidenschaft zur Band als sonst wer. Ich kannte das Label vorher auch nicht, bin aber zu einem großen Fan geworden. Ich bin ein großer Fan von deren Einstellung, es sind tolle Leute und sie setzen viel Glauben in uns. Und das ist es was Bands wie wir brauchen: Glaube.

Denovali Records teilen auch ungemein viel Musik, verschenken sie einfach. Dazu hatten wir hier auch mal einen Artikel. Auf der anderen Seite werden wiederum sehr liebevoll aufgemachte Sammler-Vinyls veröffentlicht. Das Debütalbum „Scars of the Midwest“ wurde ja im Nachhinein auch noch einmal von Denovali als Vinylscheibe aufgelegt und das passte einfach perfekt. Auch das zweite Album ist mal wieder voll und ganz für einen „Vinyl-Konsum“ gemacht, da es ein sehr dynamisches Album ist, das von sehr leisen Passagen lebt, aber an vielen Stellen auch sehr aus sich herausgehen kann, mitunter sogar kathartisch wirkt.

Duncan: In England würde am Merchstand niemand unsere Vinyls kaufen. Alle wollen immer nur die CD. Das ist eine Schande, denn Vinyl klingt um so vieles schöner.

Rich: Es geht ja auch um den warmen Klang. Es hat ja auch seine Macken und nicht diesen glasklaren Klang…

…was man den Leuten nicht erzählen sollte, die zehntausende von Euros in ihr analoges Hi-Fi-System stecken. Nein wirklich, Plattehören ist ja immer noch eine sehr persönliche Sache, der man viel Aufmerksamkeit widmen muss. Schließlich läuft man nicht zur Belustigung alle 20 Minuten zum Teller und dreht die Seite herum. Dieser Akt ist doch eine sehr private, lobpreisende Handlung, damit die Musik nicht zur bloßen Hintergrundbeschallung verkommt…

Rich: Und dann kann man sie rückwärts abspielen und den geheimen Botschaften lauschen…

…die auch auf „The Fallen Host wieder auftauchen, diese heruntergepitchten, leicht verzerrten gesprochenen Parts, die zum Beispiel das schöne „Oig“ auf „Scars of the Midwest“ einleiteten. Ich kann sie wirklich nicht entschlüsseln, aber sie tragen durchaus zur Atmosphäre bei.

Insgesamt gesehen – da reicht schon der Blick auf das Cover der Scheibe – war „Scars of the Midwest“ ein wenig düsterer als der Neuling, einziger Trost war wohl das herzzerreißende „Epiphany“, fragil und doch wunderschön wird die zerbrechliche Stimme Duncans von einigen wenigen aber präzise wirkenden Pianoklängen begleitet, bevor sich das Ganze postrocktypisch zur emotional Soundsog-Wand heraufschaukelt. Gern geht’s da auch mal rein instrumentell zu, oft ist weniger Gesang einfach mehr, wenn es darum geht, dichte Atmosphäre zu erzeugen. Auch auf „The Fallen Host“ wird wieder mit diesen Elementen gearbeitet.

Schon bei den Tönen des einleitenden „(Depart From Me, You Who Are Cursed)“ begeht man eine alltagsferne Welt mit Piano und Cello an der Seite, geheimnis- und kraftvoll zugleich. Eine Kategorisierung fällt jetzt schon schwer…
Ich wollte dann schließlich von der Band beim Interview wissen, wie sie jemandem ihre Musik beschreiben würden, der noch nie von Blueneck gehört hat… ohne vergleichbare Bands zu nennen…

Rich: Ich bin dazu in einer interessanten Ausgangslage, weil ich Dunc und die Jungs schon seit etwa 8 oder 9 Jahren kenne, aber erst in den letzten Monaten zur Band gestoßen bin. Ich war also lange Zeit Fan, habe sie mir viel angesehen und angehört. Ich denke es ist melancholische, warme Musik… dunkel, absorbierend, irgendwie wie ein Soundtrack…

Duncan: Ich mag es wenn die Leute sagen, dass die Musik intensiv ist und dass sie da hineingesogen werden, wenn sie eine Blueneck-Aufnahme hören. Es ist sehr emotionale Musik und mir gefällt es, wenn die Menschen in diese Emotionen eintauchen.

Und was würdet ihr sagen, wenn ihr jemanden davon überzeugen müsstet, zu einem eurer Konzerte zu gehen?

Rich: Nackte Mädchen… auf Rollerskates…

Ben: Es ist immer leicht, die Phrase „Post Rock“ zu benutzen, aber man weiß eigentlich nicht wirklich was das nun heißt…

In der Tat kann man Blueneck wahrscheinlich am besten als emotionale Rockmusik bezeichnen, in der man sich gut verlieren kann. Das hier ist wahrlich kein Happy Rock, wer aber immer noch keine Vorstellung hat wie Blueneck klingen, sollte einmal diesen unkonventionellen Clip zum wohl eingängigsten „The Fallen Host“-Song „Lilitu“ eintauchen:

Lilitu

Blueneck | MySpace Music Videos

Wie geht es nun weiter mit Blueneck? Ich frage nach dem dritten Album; in früheren Interviews wurde ja mal was gesagt, dass mehr Instrumente zum Tragen kommen sollen… andererseits frage ich mich: Wo war der Cellist in Chemnitz?

Duncan: Sandy ist Cellist als Berufsmusiker. Er spielt auch im London Symphony Orchestra, ist also stets sehr beschäftigt. Wir wussten das aber auch schon während der Aufnahmen mit ihm. Er meinte, dass er mit uns so oft wie möglich spielen würde, aber natürlich funktioniert das nicht bei allen Shows. Daher fragten wir Rich, ob er nicht mitmachen wolle um einen Weg zu finden, wie wir die Albumversionen der Songs live ohne Cello gut rüberbringen können… Jedenfalls, die nächste Aufnahme wird eine EP, die wir im Sommer 2010 veröffentlichen wollen… also viel schneller als gewöhnlich. Normalerweise haben wir ja immer eine 2-Jahre-Lücke.

Rich: Genau, wir wollen das Momentum am Leben erhalten, ein bisschen Schwung mitnehmen und rasch neue Musik schreiben und aufnehmen.

Duncan: Es gab da eine Phase zwischen dem ersten und dem zweiten Album, wo wir als Band fast Schluss gemacht hätten. Es lief einfach nicht. Ich persönlich habe entschieden, 3 oder 4 Monate zurückzutreten, weil ich merkte, dass wir als Band einfach nicht gut funktionierten. Ich weiß nicht warum das so war, aber nach dieser Ruhepause klappte es auf einmal wieder und wir haben den Rest des zweiten Albums recht schnell fertiggestellt. Die Leute sagen manchmal, dass „The Fallen Host“ 2 Jahre in der Mache gedauert hätte, aber wir haben es in Wirklichkeit innerhalb von 3 Monaten über die Bühne gebracht, was sehr schnell ist. Wir haben sehr mit diesem zweiten Album gekämpft. Wir spüren jetzt bei unserer dritten Aufnahme weniger Druck. Ich persönlich freue mich sehr, JETZT was neues aufzunehmen. Wir werden also die nächste Geschichte im Sommer herausbringen und bald danach an einem neuen Album arbeiten. Das dritte Album, denke ich, wird nicht so dunkel sein. Wir wollen natürlich die Intensität aufrecht erhalten, gleichzeitig aber mit ein paar neuen Ideen experimentieren…

Und dann wäre ja noch der Denovali-Film!?

Duncan: Ja! Denovali arbeiten an einem Film. Timo hat uns die Story des Films zusammen mit ein paar Standbildern geschickt. Er ist gerade damit beschäftigt, den Film zu vollenden und es sieht wirklich sehr gut aus. Ich kann die Story noch nicht verraten, aber es ist ein sehr emotionaler Film und ich denke es passt auch ganz gut, dass wir die Musik dazu beisteuern. Der Film wird gerade gedreht. Beides, Film und Musik, wird wohl im Frühling fertig sein. Es gut um ein ziemlich deprimierendes Thema, aber es wird wohl visuell sehr eindrucksvoll.

Wir harren der Dinge eines unbestimmten Frühlingstages, gespannt den Film und den dazugehörigen Blueneck-Soundtrack erwartend, nicht zuletzt sei der Sommer heiß ersehnt, wenn die neue EP erscheint. Bis dahin wandelt jeder, der Blueneck noch nicht kennt und halbwegs was auf emanzipierte Rockmusik hält, in Richtung Denovali Records und besorgt sich die beiden bereits erschienenen Alben.

Im Herbst steht übrigens der zweite Teil der Blueneck-Eurotour an. Hier der derzeitige Stand:

30.08.10 brussels etc. (bel)
31.08.10 freising (d) – szenekulturforum (kaserne)
01.09.10 eastern germany
02.09.10 gdynia (pl) – ucho
03.09.10 poznan (pl) – pod minoga
04.09.10 krakow (pl) – club re
05.09.10 wroclaw (pl) – tba
06.09.10 praha (cz)
07.09.10 dresden (d) – beatpol
08.09.10 western germany
11.10.10 aachen (d) – az (+heirs)
12.10.10 lille (f) – le select
13.10.10 london – tba
14.10.10 bath – green park tavern
15.10.10 london – tba
16.10.10 stoke – tharry’s bar stoke
17.10.10 leicester – tba
18.10.10 southern england

Live-Fotos: Leon Weidauer

Blueneck @ web:
offizielle Homepage
Myspace
Twitter

Auf der nächsten Seite findet ihr das (fast) ungekürzte Interview in englischer Sprache.

1 Kommentar

  1. ich hab Post Rock gelesen und in der ersten Antwort wird Immanu El erwähnt…werd ich mir morgen mal in Ruhe durchlesen das Ganze hier und dann natürlich auch mal in Songs reinhören 😀

    #1754

Schreib einen Kommentar