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Beerenweißchen und Zitronengelb : ein modern(d)es Märchen von KOM

6. Juli 2010

Ersehnter seelischer Sommerregen auf die erhitzten Gemüter. KOM. Was das heißt, verrät niemand. Was das bedeutet, findet man seit neuestem auf „Berry White“ heraus. Das hat nur im Entferntesten etwas mit Barry White zu tun. Auf KOMs erstem richtigen Album unter dem geschätzten Denovali-Label dreht es sich viel mehr um die leisen, dezenten Klänge.
Dreht es sich um den Song in aller seiner Kompaktkeit, zielgenau komponierten Schönheit.
Dreht es sich um die Tauperle auf langsam wachsenden Grün und deren stillen Beobachter, den Versuch wagend, in einem kurzen Moment, der wie ein langer scheinen möchte, seinem Stadtgeheul zu entrücken. (Der Beobachter, zum Lauscher geworden, wird empfänglich für gläsernes Gesäusel, dreht sich leichttrunken um die eigene Achse in einen Mantel aus warmen Basstontropfen, schwebenden, unverzerrten Gitarren, vorsichtigen Drumbeats.) Dreht es sich also simpel gesagt um Mensch und Natur.

Und es dreht sich bald auch wieder auf dem heimischen Plattenteller. Die vier Musiker aus den verschiedensten Ecken Deutschlands mögen das vinylene Rund, was sie schon mit einer wunderschönen Ausgabe ihrer 2009 erschienenen EP „Ink“ unter Beweis stellten: Ein wachsversiegelter Briefumschlag umarmte die farbig marmorierten, auf 160 Stück limitierten Scheiben, die wiederum Töne umarmten, an die wir uns gern zurückerinnern: „Insbesondere der dahingehauchte, schon beinahe gelangweilt dennoch sehr cool abgebrüht klingende Gesang bei KOM gelangt schon recht nahe an den stets improvisierten Träumersingsang des CAN-Sängers Damo Suzuki heran. Weltfremd atonal plänkeln Gitarren dazu. KOM haben’s auch irgendwie mit dem 3/4-Takt, und so lässt sich zum verträumten „007“ ganz hervorragend durch die regenlaue, rotweingetränkte Sommernacht walzern.“ (RockZOOM-Rezension vom Juli 2009)

Seit „Ink“ hat sich nun aber einiges geändert, oder besser: entwickelt, denn KOM bleiben unverkennbar. Zieht man aber beispielsweise „001“ von „Ink“ heran, wo ganze Dialoge mit komplexmelodischen Gitarrenunterhaltungen geführt wurden, sind die „Berry White“-Titel nun allesamt wesentlich minimalistischer. Durchaus im positiven Sinne, denn die aufs Wesentliche reduzierten Stücke machen süchtig und ziehen einen rasch und immer wieder in einen angenehmen Sog…

Es war uns auf jeden Fall ein Anliegen, die Stücke für das Album kompakter zu halten. Die soundtrackartigen Parts wollten wir kürzer und präziser und vieleicht auch einfacher gestalten, damit diese auch in den Songs ihren Platz finden. Die Songs sollten nicht so gedehnt werden, sonst würden sie zerfallen. (Nick Zimmermann, KOM)

Die „Ink“-EP war ja fast rein instrumentell, und wenn sachte gesungen wurde, dann nur schwer verständlich… Auch die „Durchnummerierung“ der Stücke ließ keinerlei inhaltliche Assoziationen zu. Auf „Berry White“ sind die Vocals nun omnipräsent. Nick erklärt die neuerliche Entdeckung des gesungenen Wortes:

Wir haben eigentlich schon ganz zu Anfang (seit 2003) mit Vocals gearbeitet. Jedoch waren wir mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Offensichtlich brauchten wir die Zeit, um ein wirklich gutes Gefühl mit den Endergebnissen zu haben. Nach der „Ink“ war bei uns allen der Reiz auch da, Songs in den Vordergrund zu rücken. Bei der „Ink“ wollten wir mehr die Assoziation der Entfernung zum Hörer. Vieleicht wie etwas das Horizont passiert. Die „Berry White“ sollte nah dran, und etwas direkter sein.

Und nah dran ist sie. Sie klingt nicht nur, sie riecht auch noch sehr interessant: nach Moder, Mulch und Maiglöckchen. Dabei dezent. Die Sueddeutsche meint sogar „Ohne Maiglöckchen-Duft wäre die Menschheit ausgestorben…“. Ein Hauch dieser Sinnlichkeit bei KOM.
Moder. Ja. Auch Moder. „Exobeat“ beispielsweise schweift in die dahinsiechende, flehende Präsenz unserer Moderne. Entzifferbar im sphärischen Gesang sind häufig nur Satzfetzen, viel Platz für eigene Versionen…

Generell sind die Inhalte der Songs recht frei gestaltet. Wenn ich Songs schreibe, hat das oft mit Bildern oder kurzen Szenen zu tun, die sich irgendwie und irgendwann in meinem Kopf festgesetzt haben. Man könnte das auch mit einer Zeichnung vergleichen, bei der etwas angedeutet wird, und der Betrachter führt diese Zeichnung selbst aus, oder es werden Assoziationen geweckt.

KOM umschiffen Klischees. Die Tags fallen heute mal aus. Ihr Plattenlabel Denovali beschreibt sie treffend:

They like to listen to ROBERT WYATT, HARMONIA or RADIOHEAD – but they don’t copy them. They’re just KOM – four guys from three cities in Germany who visit a small cottage in the woods every 2nd year to write a new refreshing and outstanding record… they write it for themselves and a few friends – they still don’t care if the press or new fans like it.

Von ihrem Label werden sie manchmal auch als „soundtrack of a 60s movie“ beschrieben…

Der Vergleich zu den 60s soundtracks kommt tatsächlich aus dem Hause Denovali. Wir sind aber natürlich Soundtrack beeinflusst. Der Manuel interessiert sich z.B. sehr für Science Fiction Filme und Soundtracks. André mag z.B. die Filme von Wes Anderson sehr gerne. Bei mir sind es Filme wie Aguirre oder Nosferatu von Werner Herzog. Ich glaube wir würden gerne den Soundtrack zu einer guten Komödie machen. Das wäre eine Herausforderung.

Und abgesehen von diesen Soundtrack-Liebäugeleien, wo soll es mit KOM demnächst hingehen…?

Ich glaube, das können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Eigentlich ist immer erst mal alles möglich. Ich denke der Song wird weiterhin eine große Rolle spielen. Bei der „Berry White“ stehen ja akustische Instrumente im Vordergrund. Vieleicht ist das ja bei der nächsten Platte ganz anders?

Erst einmal ist für „Berry White“ wieder eine luxuriöse Vinylausgabe in Bau: Die handgefertigte Buchausgabe soll demnächst erscheinen und wird limitiert auf 100 Stück mit einer 180 Gramm schweren, klaren Scheibe aufwarten. Für Nick gehören Musik und Aufmachung unweigerlich zusammen:

Wir mögen es sehr, mit visuellen und haptischen Dingen zu arbeiten und sind alle fasziniert von gut gestalteten Plattencovern. Ich denke das kann man bei uns als untrennbare Einheit bezeichnen.

Wer trotzdem schon einmal hineinhören mag, der kann das direkt hier tun:

http://www.denovali.com/kom/
http://www.myspace.com/wwwkomkomnet

2 Kommentare

  1. klingt sehr angenehm :)

    #1967
  2. […] KOMs “Berry White” verzückte mich im Mai mit verträumten Minimalmelodien, mit verschrobenem 60er Jahre-Anstrich und seiner effizienten Einfachheit: “Auf KOMs erstem richtigen Album unter dem geschätzten Denovali-Label dreht es sich viel mehr um die leisen, dezenten Klänge. Dreht es sich um den Song in aller seiner Kompaktkeit, zielgenau komponierten Schönheit.” Sich-selbst-überzeugen… […]

    #2939

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