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Auf Tuchfühlung mit ACTIVE CHILD

6. März 2012

active child @ dresden (cc) Katrin Kropf

ACTIVE CHILD hat mich gleich von Anfang an sehr beschäftigt. Nur wusste ich vor einigen Wochen noch nicht, ob ich diese Musik mögen sollte oder nicht. Die engelsgleichen Gesänge waren zunächst doch sehr befremdlich… umso mehr dann noch als ich herausfand, dass diese Stimme einem Kerl, nämlich dem Active Child-Mastermind Patrick James Grossi gehört. Nun, ich bin Typen wie Justin Vernon von Bon Iver schon gewöhnt, aber hier geht’s noch ein ganzes Stück höher und flexibler zur Sache. Diese Falsettstimme ist extrem trainiert… Pat Grossi klingt dermaßen wie von einer anderen Welt, dass ich zunächst nicht sicher war, ob hier technische Hilfsmittel wie Vocoder zum Einsatz kamen. Dann schaute ich mir aber mal die wundervolle KEXP-Perfomance an und musste schnell feststellen, dass es sich hierbei um einen ganz wundervollen Künstler handelt. Sein Falsett kommt mit Leichtigkeit und doch so leidenschaftlich. So manch ein Mann muss hierfür gehörig das Gesicht verziehen, um sich solche Vocals mühsam herauszupressen. Bei Pat sieht das hingegen alles sehr natürlich aus. Pat dazu selbst in einem Interview vor dem Auftritt am 24. Februar in Dresden:

„Ich denke was meine Musik so besonders macht, ist meine Stimme. Sie hebt sich von anderen Bands sehr ab. Sie ist ziemlich hoch und hat ganz allgemein einen anderen Vibe. […] Die Zeit ist reif für Falsettgesang im Indiebereich. Er war schon immer da, nur eher im R’n’B, Funk und Soul und so langsam macht sich diese Art zu singen auch in anderen Musikkulturen breit. Für manche Leute ist es schon schockierend, so etwas zu hören. Der Typ beim Soundcheck zum Beispiel meinte zu meiner Harfe ‚Das ist kein sehr maskulines Instrument.“, da sagte ich nur ‚Warte bis du mich singen gehört hast!'“

Fragt sich natürlich, wo man lernt, so eine makellose Kopfstimme zu entwickeln…

active child @ berlin (cc) jana legler


„Ich habe als Kind in Chören gesungen, vor allem im Philadelphia Boys Choir. Ich bin in New Jersey aufgewachsen und das war die nächstbeste Stadt für einen Jungenchor. Ich war vier Jahre lang in diesem Chor und diese Erfahrung hatte große Auswirkung auf die Art und Weise, wie ich mit meiner Stimme umgehe und sie auch aufnehme. Schließlich sind die Gesangspuren auch mehrschichtig übereinandergelegt […] Und obwohl es so lange her ist, habe ich doch etliches behalten […] Mit 9 Jahren habe ich im Chor angefangen und mit 13 bin ich dann auf die andere Landesseite nach Los Angeles gezogen. Dann habe ich erstmal bin Singen aufgehört, habe Sport getrieben und andere Dinge eben, habe aber nie aufgehört, Musik zu hören… Als ich älter wurde, habe ich mit Gitarre und Piano angefangen, dann mit der Harfe und schließlich begann ich, meine Stimme wiederzuentdecken, herumzuexperimentieren und Sachen aufzunehmen. […] Um stimmlich fit zu bleiben, trinke ich auf Tour viel Wasser und versuche, ein gutes Frühstück und viel Schlaf zu bekommen… Natürlich versuche ich auch, nicht allzu viel Alkohol zu trinken… 😉 Bisher hatte ich auf dieser Tour auch viel Glück: Meine Stimme hat mich nicht in Stich gelassen und ich hatte bisher auch keine Erkältung.“

Wenn ich das Album schon eher gekannt hätte, wäre „You Are All I See“ locker in meinen Top 10 von 2011 gelandet. Ursprünglich ist dieses Debütalbum nämlich schon im August letzten Jahres veröffentlicht worden. Man kann es ja mal mit ein paar Genrebeschreibungsbausteinen versuchen, doch anhand dessen bekommt man auch nur eine ungefähre Idee vom ganzen Spektrum, aber bitte: „Playing House“, mit Tom Krell von How To Dress Well als Gastsänger, ist schon fast eine rein typische R’n’B-Nummer, die sich aber perfekt fließend in das ganze Album eingliedert. Danach „See Thru Eyes“: Verträumter Chorgesang fliegt über einem dichten 80er-Jahre-Drummuster und bettet sich in dicke Synthie-Decken. Und dann gibt es da noch die wunderschön emotionale Dreampop-Hymne „High Priestess“, vielleicht doch mein Lieblingstrack und hier mal in der Liveversion bei KEXP für euch ausgebuddelt:

Aber eigentlich ist es unmöglich, ein bestes Stück herauszupicken. Da gibt es eigentlich kein eindeutiges. Dieses Album ist eines dieser Wunder, wo die Perlen überall liegen, sei es in der hymnischen ersten Albumhälfte oder beim wesentlich dunkleren zweiten Part mit Stücken wie dem vokalverzerrten „Way Too Fast“ oder „Ancient Eye“ mit seinen dröhnenden Bass-Synths. Natürlich spielt neben Pats sehr speziellen Gesang – Er hat übrigens auch eine wunderschöne „normale“ Stimme: kraftvoll und warm! – auch die Harfe eine zentrale Rolle bei Active Child, auch ein eher ungewöhnliches Element in der populären Musik…

active child : you are all i see (2011)

„Meine erste Harfe habe ich zufällig in einem Musikladen gefunden. Ich hab sie da so stehen sehen und sie zog mich magisch an. Es war niemand da, also setzte ich mich hin und fing an, daran herumzuzupfen… Dann kam die Ladenbesitzerin und meinte, dass ich die Harfe zum Üben für einen Monat kostenlos mit heim nehmen und gegebenenfalls in Raten bezahlen dürfe. Das hab ich dann auch getan und seitdem habe ich Harfen ge- und verkauft und geupgradet. Im Moment besitze ich zwei Harfen. Die Harfe ist ein schwieriges Instrument, deshalb zieht sie mich wohl auch so an. Ich versuche immer, besser zu werden und neue Spieltechniken zu finden.

…Die Harfe führt dich noch mehr in eine andere Welt und ist nahezu omnipräsent in jedem der 11 Songs des Albums. Übrigens bekommt man nette Bonusdreingaben und zusätzliche Tracks, wenn man sich die iTunes Deluxe Edition herunterlädt. Die LP kommt mit Downloadcode für das reguläre Album.

Wir RockZOOMer konnten diese wundervolle Musik übrigens jüngst live erleben, Active Child aus Los Angeles sind nämlich immer noch auf Europatour. Sind, ja, denn Pat ist nicht allein, sondern wird begleitet von Drummer Brennan Rhodes und Pats gutem Freund Stratton am Bass und Keyboard. Überflüssig zu sagen, dass wir uns das mal ansehen MUSSTEN, Jana in Berlin natürlich und ich in Dresdens schönem Beatpol, immer eine exzellente Adresse für großartige Bands, guten Sound und ein dankbares Publikum. Doch leider habe ich keinen blassen Schimmer, warum an diesem Freitag nur 30 Leute aufkreuzten! Für eine hochklassige und doch gar nicht mal so unbekannte Band wie Active Child ist das wirklich desaströs. Aber euphemistisch gesprochen war es ein sehr intimes Konzert. Die paar Anwesenden genossen es umso mehr und fanden sich in einer absolut dichten und sakralen Atmosphäre wieder. Besonders schön waren die mehrstimmigen Harmonieparts; Stratton klingt wirklich wie Pats kleiner Bruder. Auch in Berlin konnten Active Child den übrigens ausverkauften Privatclub verzaubern. Ganz recht, ausverkauft. Das verdient so eine Kunst.

>> Zu allen Bildern von Active Child im Berliner Privatclub

Text: Katrin Kropf
Fotos: Jana Legler (außer Dresden)

1 Kommentar

  1. Ariane

    Ich war auf beiden Konzerten, in Dresden u. in Berlin, und kann nur zustimmen – Active Child sind fantastisch! Pat’s Stimme ist ein Phänomen und zieht mich augenblicklich in eine andere Welt…

    #3775

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