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ÁSMEGIN: „Arv“

20. Dezember 2008

Ursprünglich hatte ich gar nicht vor, die neue Langspielplatte der Norweger Ásmegin zu rezensieren, doch wenn in gewissen Musikcommunities Leute meinen, unqualifizierte Kommentare nach nur einmaligem Hören abgeben zu müssen und somit das neue Album „Arv“ in gänzlich falsches Licht rücken, hole ich nun doch einmal zur angemessenen Lobarie aus…

Doch was sagt man sich über “Arv” in den Weiten des Web als Fan des Debütalbums, das so chaotisch-unberechenbar, folkig und heavy zugleich, abwechslungsreich und mit vielen tollen Melodien fast auseinanderzuplatzen drohte? Man meint nun zum Beispiel, der Nachfolger “Arv” klänge überstürzt, schlecht produziert, unaggressiv und sogar “poppig”… Das meiste davon ist natürlich völliger Käse. In Wirklichkeit hört man dem Zweitling überhaupt nicht die kurze Aufnahme- und Produktionszeit zwischen Juni und August diesen Jahres an und was in anderen Ohren unterproduziert und “unmetallisch” klingt, ist in Wirklichkeit viel natürlicher, wärmer, archaischer und reifer geraten als der Vorgänger “Hin vordende Sod & Sø”. Sowieso macht es wenig Sinn, die beiden bisherigen Alben direkt miteinander zu vergleichen, denn viel ist in den vergangenen fünf Jahren passiert. Dass das Label der Band dieses Jahr ordentlich Druck gemacht hat, ist den acht Kompositionen auf “Arv” nicht anzuhören. Vielmehr klingt Album Nummer zwe gesetzter, hat einen wunderbaren Fluss und wächst mit jedem Hördurchlauf… Marius Olaussen, einzig verbliebenes Gründungsmitglied der Band (also bereits seit 1998 im Boot der Nordmänner und -frauen), zur Entstehung von “Arv”:

Marius: Hi Katrin. Zunächst einmal vielen Dank für deine netten Worte und dem Interesse an unserer Musik. Auch ich beginne, dieses Album mehr und mehr zu mögen. Wenn du dir vorstellen kannst, wie schwer es für einen Musiker ist, etwas Unvollendetes zu veröffentlichen, dann weißt du wie wir uns fühlten als wir “Arv” ins Presswerk geschickt haben. Eigentlich haben wir ja an einem Konzeptalbum mit Namen “Tusind tabte Siæles Kakofoni” gearbeitet und fünf Jahre sind seit “Hin vordende Sod & Sø” ins Land gegangen… Die Anfrage unseres Plattenlabels, doch dieses Jahr noch ein Album zu veröffentlichen, ist auch für uns gut nachvollziehbar. Unser Label hat uns mit der Veröffentlichung nicht unter Druck gesetzt. Sie wollten, dass wir “Tusind tabte…” dieses Jahr veröffentlichen, aber das wäre absolut unmöglich gewesen. Für “Tusind tabte…” bräuchten wir noch mehr Zeit im Studio, da noch viel mit verschiedenen Instrumenten und ähnlichem ausprobiert werden muss. Daher mussten wir nun Material aufnehmen, das einfacher aufzunehmen, zu produzieren und rechtzeitig fertigzustellen ist – was wir natürlich auch nicht hinbekamen. Besonders von den Gesangslinien gibt es viele, die wir weglassen mussten, etliche mussten vereinfacht werden. Wir hatten außerdem eine Neuproduktion unserer ersten Demo “Alvesang Fager” geplant, aber mussten auch das aufgrund des strikten Zeitplanes auslassen. Dafür haben wir die Drums, den Bass und die Gitarren bereits aufgenommen, vielleicht werden wir es später mal veröffentlichen. Wir werden sehen.

Wie schon auf dem Debüt haben Olaussen und Co. auch dieses mal ausschließlich Norwegisch getextet. Da wohl nicht jeder dieser Sprache mächtig ist, habe ich Marius gebeten, jeden “Arv”-Song inhaltlich kurz vorzustellen. Zunächst wäre da also

Fandens Mælkebøtte:

Marius: Zu deutsch: “Des Teufels Milcheimer”. Eine Ode an den Löwenzahn. Ich möchte nicht gern allzu viel vom Symbolismus verraten und hoffe lieber, dass ein paar fleißige Seelen sich doch ans Übersetzen und Entschlüsseln machen. Es ist außerdem mein Tribut an einen großartigen norwegischen Poeten: Henrik Wergeland. Man kann “Fandens Mælkebøtte” als meinen Versuch betrachten, ein Wergelandisches Gedicht zu schreiben. Ich bin ein großer Fan seiner obskuren Art von Symbolismus. Daher lasse ich das hier mal offen, sorry…

Musikalisch gesehen erkennt man vom ersten Ton an Ásmegin wieder: Es sind diese klar gesungenen Vokalharmonien fernab des Wikinger-Loarlalaaar, welche so unverkennbar über weite Ebenen schallen. Während man auf dem Debüt noch alle Vokal-Register zog – aber auch alle: traditionell nordische Harmoniegesänge bishin zum gurgeligen Gutturalgegrunz und zehennagelziehenden Zetermordio männlicher- und weiblicherseits – wurde dies auf “Arv”deutlich reduziert. Einen Gewinn stellen da mit Sicherheit die beiden neuen Sängerinnen dar. Diese Reduzierung war jedoch keine bewusste Entscheidung…

Marius: …Es zerreißt mir wirklich das Herz, dass wir so viele “Krisenentscheidungen” für “Arv” in Bezug auf die Instrumentierung treffen mussten. Wir hatten für die Violine zum Beispiel nur drei Stunden. Wir mussten also für jene Arrangements, die unbedingt mit einer ersten und zweiten Violine instrumentiert werden sollten, eine Liste mit Prioritäten aufstellen und uns dann nach und nach auf dieser Liste herunterarbeiten, in der Hoffnung so viele Arrangements wie möglich realisieren zu können. Natürlich haben wir nicht alles geschafft; ein hoffnungsloses Unterfangen, besonders wenn man berücksichtigt, dass wir in unseren eigenen Studios waren, ganz ohne diese stressigen ökonomischen Rahmenbedingungen… Es stimmt also in der Tat – das Album hätte besser ausfallen können und es ist nur allzu wahr, dass der gesamte Prozess total überstürzt war. Ich könnte auch noch erwähnen, dass Erik, unser Sänger, in nur wenigen Wochen vor den Drumaufnahmen auf eben diese vorbereiten musste, weil wir im Moment einfach keinen Schlagzeuger haben…

Ich persönlich empfinde jedoch das Endresultat von “Arv” ganz und gar nicht als unterinstrumentiert. Auf diese Weise hat jedes einzelne Stück Gelegenheit, sich zu entfalten, jedes Instrument die Chance, gewisse räumliche Tiefe zu erlangen, auch die Gesangspassagen profitieren davon ungemein. Würde der wunderbar klar gesungene Mittelteil in “Gegangeren” in einem Wust aus bombastisch und virtuos gespielten Folkinstrumenten und drei Gitarren mehr nicht vollkommen untergehen? Schade, dass viele eingefleischte (Metal-)Fans mit diesem neu gewonnen, mehr auf Kern hin gespielten Sound nicht viel anfangen können…

Marius: Die Tatsache, dass “Arv” viel weniger aggressiv (wenn überhaupt) ist, ist uns nicht wichtig. Wir kreieren die Musik, die wir kreieren wollen. Worin liegt der Sinn, ein neues “Hin vordende Sod & Sø” aufzunehmen? Diesmal sollte es etwas anderes sein. Falls Aggression für einige von größter Wichtigkeit sein sollte, so kann ich sagen, dass Erik schon höllisch für einige Parts des Drummings auf “Tusind tabte Siæles Kakofoni” übt. Es ist uns unwichtig, ob dieses Album Pop ist oder nicht. Wir mögen guten Metal genauso wie guten Pop, oder welches Musikgenre auch immer. Wir dachten, dass die “Arv”-Songs am besten klängen, wenn wir ihnen diesen “poppig” natürlichen (an die 70er erinnernden) Sound geben würden. Es ist nicht so, dass wir nun unseren Stil verändert haben. Wir als von vielen Seiten beeinflusste Musiker wollen nicht darauf limitiert sein, nur eine “Metalband” zu sein und entschieden in Sachen Arrangements und Produktion, was getan werden musste.
Ásmegin 2008Der überwiegende Teil des Materials ist alt, sehr alt. Einige Songs stammen aus der Zeit vor “Hin vordende Sod & Sø”, andere entstanden diesen Sommer. Alle Texte wurden diesen Sommer geschrieben, was wohl das stressigste war – jedenfalls was die Texte angeht, die ich geschrieben habe. Letztenendes ist aber alles doch recht anständig geworden.

Hiertebrand:

Marius: Zu deutsch: Herzensbrand. Raymond schrieb hier den Text, ich traue mich also nicht, allzu viel darüber zu erzählen und mache da hoffentlich keine Fehler. Es erinnert mich dennoch an die mittelalterliche Ballade von den zwei Schwestern, ist beides ziemlich ähnlich: die eine rein und liebenswert, die andere verrückt und voll Hass. Letztere tötet ihre Schwester, um an deren Geliebten zu kommen und ihn für sich zu haben.

Generalen Og Troldharen:

Marius: Zu deutsch: Der General und der Trollhase. Das ist eine doch sehr humorvolle Geschichte, an manchen Stellen sogar wahr. Der wahre Teil daran ist ein pensionierter Lieutenant, eigentlich gar kein General, der einst von Christiania (Norwegens Hauptstadt von 1877 bis 1925) auf das Land ins Gebiet Ringerike zog, um einen Trollhasen zu jagen, der die Anwohner schon seit geraumer Zeit terrorisierte. Ich habe im Text Ringerike mit meiner Heimat Hadeland ersetzt, was aber nicht weit weg ist von Ringerike. Die Lyrics handeln jedenfalls von Aberglauben, und Hochmut, und das alles mit natürlich mit Humor.

Apropos, gerade hier, beim stampfenden Beat und der Ungehobeltheit dieses polterigen, obskuren und doch irgendwie beschwingt witzigen Songs, gedenkt man oft den Trollen, genauer gesagt den Finntrollen zu ihren besseren Zeiten, etwa dem “Visor om slutet”-Akustikalbum. Wie die finnischen Kollegen lassen auch Ásmegin gern mal ihre Folkinstrumente in ungewöhnlichen Tonarten erklingen, scheuen sich aber auch nicht vor dem Einsatz von Keyboards seitens Lars Fredrik Frøislie. Doch bevor alle entgeistert aufschreien sei das Ganze sogleich spezifiziert: Hammond-Orgeln, Mellotron und das spaßige Mini-Moog sorgen für einen schaurig-schrägen 70er-Vibe, der hier absolut passend ist und nicht an den Haaren herbeigezogen klingt, da es eigentlich mal wieder recht “inn” ist, als Metalband solche Einflüsse zu verwursten.

Marius: Der 70er-Soundhier und da ist gewollt, absolut. Die Intention war, ein organischeres, trockeneres und nicht so “metallisches” Album zu machen. Wir haben auch scho einige von Lars‘ Keyboards auf “Hin vordende Sod & Sø” verwendet, ganz einfach weil wir seine Instrumente lieben.

Arv:

Marius: Zu deutsch: Erbe. Es ist ein Lied über die Werte der Familie und unserem Gebrauch davon, erzählt in einer kurzen Geschichte von einem Vater und seinem Sohn.

Ich mochte Lars Nedland’s Gesang auf “Hin vordende…” wirklich sehr, aber ich denke ich mag die Gesangsarrangements auf “Arv” sogar noch mehr, was wahrscheinlich an beiden neuen Sängerinnen liegt, die wirklich einen fantastischen Job abgeliefert haben. Man nehme zum Beispiel das Ende vom Lied “Arv”: Eine der Damen singt am Ende gar derart hoch, klar und ausdauernd, dass man sich gar nicht mehr sicher ist, ob einem da Mensch oder Instrument entgegenschallt.

Marius: Lars Nedland hatte auf unserem Debütalbum einen hervorragenden Job abgeliefert. Ich bewundere ihn auch für seine Arbeit bei Solefald, seine Stimme passte wunderbar in unser damaliges Material. Aber ich bin froh, dass dir auch die Gesänge auf “Arv”gefallen. Es ist Eriks erste offizielle Veröffentlichung und er war wirklich sehr gestresst sowohl Lars Nedland als auch Bjørn Olav und Tommy zu ersetzen, die alle einen klasse Job auf “Hin vordende Sod & Sø” machten. Wegen der strikten Deadline mussten wir alle Experimente mit Eriks Gesang über Bord werfen, aber die aufgenommenen Vocals funktionieren ganz gut. Auch was die Mädels angeht, sind wir sehr zufrieden. Mit Anne-Marie haben wir schon auf dem Debüt zusammengearbeitet und waren ganz froh, dass sie uns auch auf “Arv” aushelfen wollte. Auch die neue Sängerin, Gunhild, ist extrem talentiert. Wir sind zutiefst dankbar für diese beiden und hoffen, dass sie auch in Zukunft mit uns zusammenarbeitet werden. Wir haben zwar im Vorfeld geschriebene Gesangslinien, aber es ist uns nicht wichtig, diesen während des ganzen Aufnahmeprozesses zu folgen. Nimm zum Beispiel Gunhild. Sie hat eine erfreulich jazzige Stimme, was unserer Meinung nach den Songs noch eine gewisse Würze verleiht. Also, die Gesangsaufnahmen (und das betrifft auch alle Instrumente) sind ein dynamischer Prozess, an keiner Stelle einer gegebenen Idee strikt folgend. Warum wir immer mit verschiedenen Sängern arbeiten? Wir sind alle große Fans von Abwechslung. Wir landeten bei diesen beiden Sängerinnen, da sie total unterschiedliche Charakteristiken haben und jeder Song dieses und jenes Gefühl erforderte.

Yndifall:

Marius: Zu deutsch: Trauerfall. “Yndifall” ist der einzige Song, welcher in altnordischer Sprache geschrieben wurde und von den Themen Stolz, Rache, Ehre und Treue, in Leben und Tod, handelt. Es ist eine Geschichte über einen Kampf zwischen zwei Königen und ihren Gefolgsleuten. Einer der Könige kehrt mit Rachegelüsten wieder, voller Schande und Hass. Sein Schiff trägt hunderte von Männern, und so ist er dem anderen König und seinen Männern zahlenmäßig überlegen. Es ist eine einfache und schöne Geschichte über das Sterben mit den Verwandten.

Gengangeren:

Marius: Zu deutsch: Die Erscheinung. Raymond und ich haben diese Worte zusammen im Studio geschrieben. Es geht um die Leere im Tod, und die Trauer über das was einem vom Weitergehen abhält, außerdem um das Verlangen nach Frieden und Geschlossenheit.

Starker Tobak, der starke Töne hinter sich herzeiht. “Yndifall” ist der wohl härteste Song auf “Arv”, bei “Gengangeren” fällt besonders das traurig-tänzelnde Pianothema auf, welches der gesamten Atmosphäre einen noch verzweifelteren Touch gibt, ohne besonders “metal” zu sein. Themen wie diese können sich in diesem neuen Sound überraschenderweise sehr gut entfalten, doch unterscheidet er sich sehr wesentlich von dem des Debütalbums. Produktionstechnisch begibt sich der „Hin vordende…“-Nachfolger tiefer in den norwegischen Sumpf und wirkt beinahe sogar… dumpf. Dumpf, eines der Worte, die nach mehrmaligem Schreiben, Lesen und Darüberhersinnieren einfach komisch und sogar falsch aussehen, wohl aber durchaus noch so gemeint sind – und in diesem Falle sogar positiv! “Hin vordende…” klang da an einigen Stellen schon fast zu durchproduziert und ich frage mich auch, ob dieses überschnelle Blastbeat-Schlagzeug getriggert wurde!? Solche Hochgeschwindigkeitsausflüge findet man auf “Arv” nun gar nicht mehr. Vielmehr geht es hier beschaulich warm zu, die Produktion passt… Und das obwohl es heißt, das gesamte Album wurde in gerade mal 24 Stunden abgemischt…

Ásmegin 2008Marius: Das Schlagzeug war getriggert, okay, aber es wurde genauso gespielt. Tommy ist ein verdammt schneller Drummer, vielleicht sogar schon zu schnell für das Material. Aber wir waren jung damals und meinten, dass es auf diese Weise sehr cool wäre. Wenn ich dieses Album heute nochmal aufnehmen würde, hätte ich das Tempo wohl etwas gedrosselt. Versteh mich nicht falsch, ich liebe verrückte Uptempo-Sachen, aber bei ein paar Songs war es doch schon etwas zu viel des Guten. Es ist schön, dass dir die Produktion von “Arv” gefällt. Es füllte sich nur richtig an. In Wirklichkeit haben wir das Album aber in nur einer Nacht gemixt, nicht in 24 Stunden. Einige von uns, mich eingeschlossen, mussten tagsüber nämlich arbeiten. Ich denke 12 Stunden trifft es da schon eher. Wir haben die ganze Nacht gemixt und sind dann geradewegs zu unseren Tagesjobs ohne Schlaf übergegangen. Das war die pure Hölle. Ich habe herausgefunden, dass ich in der letzten Woche ingesamt nur 18 Stunden Schlaf hatte. Das ist eigentlich nicht meine Art, Kreativität zu entdecken.

Prunkende, Stolt I Jokumsol:

Marius: Zu deutsch: Prunkvoll, stolz in der Sonne Jokums. Dieses Lied handelt von Themen wie Selbstmord, Apathie und dem Hintersichlassen schwerer Bürden. Ich habe mich für eine Metapher aus der norwegischen Folklore entschieden um diese überwältigende Unterfangen zu beschreiben.

Ich mag die musikalische Seite dieses Songs wirklich sehr, so ganz anders als der Rest mit seinem jazzig-entspannten, leicht melancholischen Charakter. Gunhilds Stimme allein begleitet von sachter Perkussion und schön warmen Bassspiel erinnert ein ums andere Mal an die große Norwegerin Kari Bremnes…

Marius: Danke! Ich mag Bremnes selbst sehr gern, das ist eine nette Parallele. Die Idee lag schon seit einer Weile bei mir herum. Der Hauptgedanke war vermutlich, dem Ganzen eher einen Mike Oldfield-Touch zu geben. Ich hatte auch vor, Violinen, Flöten und Mandolinen für diesen Track zu verwenden, aber die Zeit war gegen uns. Wir haben uns dann letztenendes auf die Vorproduktion berufen und es klar belassen.

En Myrmylne:

Marius: Zu deutsch: Ein mooriger Mylne (Dies ist ein Walzer). Der Text hier ist wohl der düsterste auf “Arv”. Der Song handelt von einem Mann, der in den Wald geht um Moltebeeren zu pflücken, im Moor aber zu Tode kommt. Es geht in erster Linie um Geiz, könnte man sagen. Es waren die verführerischen Moltebeeren, die den Mann in ein nasses Grab brachten. Und dennoch ist da dieses stete Gefühl, daheim zu sein. Man fragt sich dann vielleicht, warum das ganze dann “ein mooriger Mylne” heißt? Schau, es gab andere wie ihn, ebenso verzaubert von den Moltebeeren, die auch in diesem Moor verendeten. Auf diesem langsamen aber sicheren Weg hinab in den Sumpf erscheinen ihre geisterhaften Gestalten. Sie tanzen diesen Walzer, einen oktagonalen traditionellen Walzer, bringen ihm diesen bei und lassen ihn mittanzen. Für mich geht es in diesem Song auch um Frieden.

Mit neun Minuten ist “En Myrmylne” zugleich der längste als auch der komplexeste Song. Wer denkt, dass hier von vorn bis hinten ein einfacher Walzer angesagt ist, wird sich rasch selbst aufgrund eines unbedachten Schrittes im Moor wiederfinden, denn ebenso unberechenbar zeigt sich dieses Stück, der nächste Schritt ist unbekannt, und das macht die ganze Sache interessanter. Ásmegins nächste Schritte nach diesem Album? “Tusind tabte Siæles Kakofoni”. Eigentlich gab es dazu sogar schon einige Aufnahmen, ich erinnere mich an ein paar Fotos von Sessions in einer abgelegenen norwegischen Hütte vor ein bis zwei Jahren

Marius: Ja, das ist richtig. Viele dieser Aufnahmen sind fertig, aber wir sind noch nicht bereit, es zu veröffentlichen. Erik und ich haben allein für die Lyrics schon zwei Jahre gebraucht, wir sind also drauf und dran, das Material rauszubringen. Aber wir werden es nicht überstürzen. Es gibt immer noch ein paar Arrangements, die neu geschrieben werden müssen.Wir haben die Gitarren in einer norwegischen Jagdhütte in den Wäldern aufgenommen, die man auch in den Fotos von “Arv” sieht. Es steht noch nicht fest, ob “Tusind tabte…” das nächste Album wird. Es kann sein, dass wir ein weiteres temporäres Album veröffentlichen. Der Titel heißt übersetzt “Kakophonie von tausend verlorenen Seelen”. Es wird zwei Alben zu diesem Thema geben. Ich werde auf die Story zurückkommen, wenn das Doppelalbum veröffentlicht ist.

Was das Line-up angeht, so herrscht auch fortan wie bisher eher Ungewissheit…

Marius:Wir sind zumindest eine funktionierende Band. Wir hatten so einige Probleme, ein stabiles Line-up hinzubekommen. Heute wissen wir, dass die verbleibenden vier wohl die beste Lösung sein dürften. Das heißt, dass wir nicht imstande sind, Ásmegin-Songs live zum Besten zu geben und haben auch keine Pläne diesbezüglich. Im Moment sind wir eine Studioband. Vielleicht wird sich das in Zukunft ändern. Ich bin sehr zufrieden, mit solchen Musikern wie diesen jetzt arbeiten zu können. Es ist ein wenig riskant, mehr Bandmitglieder zu involvieren. Es gibt hier in Norwegen ein Sprichwort: Zu viele Köche verderben den Brei…

Und insofern war es schon von Vorteil, dass auf “Arv” verhälnismäßig wenige Köche mitmischten. Ja, das Album kann durchaus an einem vorbeiziehen – zweimal, dreimal, vielleicht gar öfter. Wer aber bewusst hört, ist klar im Vorteil und darf entdecken. „Arv“ blüht von mal zu mal und zeigt sich wie eine norwegische Wanderung über stets die selbe Route. Doch es ist in Wahrheit nie die selbe Wanderung: ein neues Pflänzlein am Wegesrand, der Untergrund mal trocken dürstend, mal glitschig, tückisch und nach frischer Erde riechend. Und das tosende Schmelzwasser, das uns einst den Weg versperrte, verebbt im nordischen Hochsommer zum lieblichen Rinnsal und wartet auf den neuen Anstieg…

Englische Originalfassung des Interviews auf der nächsten Seite…

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