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Arcade Fire @ Wuhlheide, Berlin | 18.06.2014

21. Juni 2014

Arcade Fire @ Wuhlheide, Berlin - 18.06.2014Dieses Mal sollte wirklich jeder, der Lust auf Arcade Fire hatte, in den Genuss kommen, das Vorzeige-Indie-Kollektiv aus Montreal live zu erleben. Ach, was flossen im November letzten Jahres noch Tränen, weil ihre Show im Astra nach gefühlten 30 Sekunden bereits ausverkauft war. In die Wuhlheide passen 17.000 Menschen. Und irgendwie macht es Arcade Fire nur sympathischer, dass sie diese fast, aber nicht ganz füllen konnten. Das gelingt wohl nur Bands, die massenkompatiblen Stadionrock machen, und davon sind Arcade Fire zum Glück weit entfernt.

Am Tag vor der lang herbeigesehnten Berlin-Show legten sie bereits ein ziemlich grandioses Set in Dresden vor prächtiger Kulisse hin. Die Junge Garde ist eine DDR-Romantik-Freilichtbühne, die lediglich 5.000 Besuchern Platz bietet. Selbst wer oben am Rand saß, kam nicht nur musikalisch, sondern auch visuell auf seine Kosten. Früh Erschienene wurden am Spätnachmittag sogar Zeuge eines mehr als halbstündigen Soundchecks – nur wenige Meter vom Einlass entfernt. Ein bisschen mehr Dunkelheit hätte das Konzerterlebnis perfekt gemacht, doch dafür war keine Zeit, dafür sorgte schon die Lärmschutzpolizei. Als die Show vorbei war, wusste man, dass man Berlin gegenüber ziemlich im Vorteil sein würde.

In die Wuhlheide passen eben dreimal so viele Menschen, eine Tatsache, die ein Konzerterlebnis ganz schön trüben kann. Kompakt ist eben am schönsten.

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Aber was soll’s: Vor einem standen keine Geringere als Arcade Fire. Seit mehr als einem halben Jahr gab es wenige Konzerte, auf die sich die musikaffinen Hauptstädtler mehr gefreut haben. Die meisten ließen ihr Fancy Dress dieses Mal zuhause, nur eine Handvoll Maskierte und kunstvoll Bemalte versammelten sich vor der Bühne. Arcade Fire betraten pünktlich um Fünfzehn nach Acht die Bühne.

Und es stellte sich heraus, dass sich jedes Bandmitglied für jedes neue Konzert für ein anderes Bühnenoutfit entscheidet. Heute war mehr Weiß im Spiel als noch gestern, nur der Glitzerfaktor war genauso hoch, vielleicht sogar noch höher! „Reflektor“ gab den Startschuss für ein beinahe zwei Stunden andauerndes Konzert, das wie im Fluge verging! Auf der Bühne fand ein Karneval der Extraklasse statt, der einem natürlich zu späterer Stunde auch dieses Mal noch mehr ans Herz gegangen wäre, ganz sicher! Im Mittelkreis ragte eine weitere Minibühne zwischen den Köpfen heraus, auf der abwechselnd ein sich statisch bewegender Mensch in einem Ganzkörperspiegelkleid, eine Gruppe junger Skelett-Tänzer sowie Régine Chassagne persönlich den Leuten in den hinteren Reihen in Extase versetzten.

Arcade Fire @ Wuhlheide, Berlin - 18.06.2014Überhaupt verliebte man sich regelrecht in die bessere Hälfte von Frontmann Win Butler. Régines Performance lässt sich ohne zu übertreiben als „zuckersüß“ umschreiben. Selten hat man so eine lebensfrohe, übers ganze Gesicht strahlende Musikerin gesehen, die mit ihrer Band auf dem Zenit steht, und einem trotzdem das Gefühl gibt, dass man sich gemeinsam auf dem Dancefloor befindet. Sie ist keine perfekte Sängerin, vielmehr eine Künstlerin mit hohem Identifikationsfaktor – und am Ende zählt nur das. Als sie während der Show einen kleinen Jungen erblickte, der von einem seiner Eltern hochgestemmt wurde, drückte sie einem Security kurzentschlossen eine bunte Rassel in die Hand und deutete in die Richtung des kleinen Fans, der sich wie ein Schneekönig über seine neue Errungenschaft freute.

Es würde den Rahmen sprengen, sämtliche Aktionen, die sich auf der Bühne abspielten, aufzuzählen – zu viel Grandioses ereignete sich! Mit beinahe jedem neuen Song wechselten die Bandmitglieder ihre Positionen, so etwas sieht man wirklich nur bei Arcade Fire. Neben Win Butler, der in Berlin mit schwarz-weißer Wangenbemalung erschien, fiel insbesondere sein Bruder Will auf, dem man am liebsten ein Shirt mit dem Aufdruck „Rampensau“ übergestreift hätte. In Sachen Songauswahl hat natürlich jeder seine eigenen Vorlieben. Tatsache ist, dass die Band mit jedem weiteren Konzert geringfügig ihre Setlist verändert. Der Fokus lag primär auf der aktuellen Scheibe und dem Vorgänger „The Suburbs“, man kann der Band allerdings nicht vorwerfen, den Fans alte Kracher vorzuenthalten – unter ihnen „No Cars Go“, „Rebellion (Lies)“ oder „Wake Up“. Wenn man ehrlich ist, sind diese alten folklastigen Übernummern die besseren Live-Songs für ein großes Tageslicht-Konzert wie dieses, weil sie einfach ein bisschen mehr musikalischen Druck ausstrahlen.

Als dann endlich die Dämmerung einsetzte, folgte passenderweise „Here Comes The Night Time“ und ehe man sich versah, regneten gefühlte eine Billion Konfettischnipsel auf einen nieder. Definitiver Höhepunkt der Show! Und obwohl „Wake Up“ – ihr wohl bestes Stück – den Schlusspunkt markierte, machten sich die ersten schon auf den Weg zum Ausgang, denn sie wollten nicht das Geheimkonzert von Arcade Fire im Michelberger Hotel verpassen, für das man sich bis zum frühen Nachmittag registrieren konnte, wenn man denn durchschaute, wer hinter den angekündigten Phi Slamma Mamma Boys und DJ WINdows 98 wirklich steckte.

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Und all die Glücklichen, die dann im Endeffekt auf der Gästeliste landeten, wurden im Zeuge eines furiosen Innenhof-Konzertes von Will Butler, Timothy Kingsbury, Richard Reed Parry und Jeremy Gara. Als würden sie nichts anderes machen, legten sie eine astreine und extrem wuchtige Cover-Rock-Show hin. Wir sagen nur „Helter Skelter“! Auch Sarah Neufeld schaute mit ihrer Violine vorbei und spielte drei Songs von ihrem Album „Hero Brother“. Win Butler hingegegen stand für mehrere Stunden am DJ-Mischpult während der Rest der Band aus dem Fenster winkte. Und das alles war kein Traum!

Arcade Fire im Internet:
Offizielle Homepage: www.arcadefire.com
Facebook: www.facebook.com/arcadefire

Setlist:
Reflektor
Flashbulb Eyes
Neighborhood #3 (Power Out)
Rebellion (Lies)
Joan of Arc
We Used to Wait
(w/ The Cure’s „Close to Me“ acapella intro)
The Suburbs
The Suburbs (Continued)
Ready to Start
Neighborhood #1 (Tunnels)
No Cars Go
We Exist
My Body Is a Cage
(alternate shortened version)
Afterlife
It’s Never Over (Oh Orpheus)
(Régine on B-stage)
Supersymmetry
(Régine on B-stage)
Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)
(‚Damian Taylor Remix‘ intro)
Zugabe:
I Want to Hold Your Hand
(The Beatles song) („Komm, Gib Mir Deine Hand“)
Normal Person
Here Comes the Night Time
Wake Up

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