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Arcade Fire (The Reflektors) live @ Astra, Berlin | 19.11.2013

20. November 2013

 Arcade Fire (The Reflektors) @ Astra, Berlin - 19.11.2013Arcade Fire: Die momentan wohl umwerfendste Indie-Band der Welt kündigte unter dem Deckmantel „The Reflektors“ vor etwa drei Wochen ein Geheimkonzert in der Hauptstadt an. Halb Berlin bekam sich (zu Recht) nicht mehr ein, nachdem diese Neuigkeit an die Öffentlichkeit drang. Der offizielle Vorverkaufsstart endete für viele in einem Drama. Wer nicht in der richtigen Sekunde zur Stelle war, wurde zunächst mit einem „Server ausgelastet“-Hinweis vertröstet, wenige Minuten später mit dem „Ausverkauft“-Hinweis verärgert. Aber was soll man machen, ins Astra passen nun mal nicht mehr als 1.800 Menschen und die Band aus Montreal würde momentan wohl auch ein Open Air-Konzert an einem Tag ausverkaufen. Auch wir knallten eiskalt gegen das fiese Ausverkauft-Schild, Pressezugang wurde nur den Wichtigsten der Wichtigsten gewährt. Die Panik war groß! Ein Wunder geschah als uns ein treuer RockZOOM-Leser selbstlos seine Karte vermachte, weil wir die größeren Fans seien. Natürlich nahmen wir dieses unwiderstehliche Angebot nach ausgiebigem Verbeugen an! Und während wir normal mit einer konzertfähigen Kamera durch die Fotogräben dieser Welt ziehen, schnallten wir uns dieses Mal eine securityfreundliche Systemkamera um. Dieses Konzert fotografisch nicht zu dokumentieren, kam gar nicht in die Tüte!

Aber zurück zu Arcade Fire, Entschuldigung, The Reflektors. In Abendgarderobe oder Fancy Dress sollte man erscheinen und rückblickend gab es wohl keinen Besucher ihres Konzertes im Astra in Berlin, der dieser Aufforderung nicht Folge leistete. Die ganz früh erschienenen Besucher wurden mit einem Appetizer der besonderen Art versöhnt, etwa eine Viertel Stunde vor Einlass fuhr eine weiße Stretchlimousine vor, aus der die Band – maskiert – nach und nach vorlugte und sich zu mexikanischen Mariachi-Violinenklängen Richtung Astra vorgroovte. Man realisierte schnell: Am heutigen Abend würde nicht nur ein normales Konzert stattfinden. Man konnte von einem „Event“ sprechen. Kurz nach Einlass tauchte die Band für weitere zehn Minuten dann nochmal maskiert im Inneren des Astras auf. Ob sie es wirklich waren, bleibt ein Rätsel, aber hoch lebe die Illusion! Ein Skelett in Menschengestalt führte einen anschließend in die Welt des anspruchsvollen Mitgehens auf einem Arcade-Fire-Konzert ein. Welch wunderbare Art, einem als Besucher die Wartezeit zu verkürzen. Etwa 200 Leute reckten und streckten sich während die restlichen Fans noch im Außenbereich verharrten. Es sollte sich heute auszahlen, früh an Ort und Stelle zu sein.

Arcade Fire (The Reflektors) @ Astra, Berlin - 19.11.2013Als wirklich kein Platz für noch eine weitere Person war, ging es anderthalb Stunden nach Einlass endlich los. Bis auf ihren Frontmann Win Butler betraten Arcade Fire unter nicht enden wollendem Jubel die eigentlich ziemlich unfancy, eher zweckmäßig daherkommende Astra-Konzertbühne mit dem zumeist fragwürdigen Sound. Von wo genau Win Butler „My Body Is a Cage“ als Einleitung zu „Reflektor“ von sich gab, konnte man vorn positioniert gar nicht ausmachen, umso mehr stieg die Spannung. Und was soll man sagen, grenzenlose Ergriffenheit machte sich breit und eines kam einem sofort in den Sinn: Werden wir Arcade Fire jemals wieder so nahe sein? Nicht nur, dass man nur wenige Meter von der Band entfernt war, man hatte sogar noch ein Stück Bühne vorn drangesetzt. Den Rockstar-Laufsteg quasi. Als uneingeschränkter Befürworter des neuen Albums genossen wir das Konzert natürlich durchweg, bis auf wenige ältere Songs und eine Cover-Version, gab es die ultimative „Reflektor“-Breitseite. Das bedeutete, dass es an jeder Ecke glitzerte. Natürlich hielt auch die Band sich an den strengen Dresscode. Ebenso hieß dies, dass man plötzlich auf einem Arcade Fire-Konzert tanzen konnte. Früher hätte man es als „engagiertes Mitgehen“ umschrieben. Eigentlich ein Widerspruch in sich: wildes Tanzen gepaart mit engsitzender, passgenauer Abendgarderobe, da musste hier und da schon mal der Reißverschluss justiert werden. Spätestens beim dritten (alten) Song „Neighborhood #3 (Power Out)“, und nachdem sich die Anfangsaufregung etwas gelegt hatte, brach förmlich ein Gewitter im Publikumsrund aus, nach dem Motto: Wer kann am höchsten springen? Der eisern erkämpfte Platz in der dritten Reihe war nun natürlich futsch, egal! Noch einmal ähnlich hitzig ging es beim härtesten Song der Bandgeschichte zu: „Normal Person“.
Das neue Album hat es in sich, sobald man seine Songs geknackt hat. Man fühlt sich hin- und hergeschleudert und braucht mehrere Durchläufe bis man es vollkommen aufgesaugt hat – allerdings vermittelt es bereits beim ersten Hördurchgang einen Wow-Effekt. Trotz ausgiebigen karibischen Disco-Einsprengseln ist es vor allem ein Album für sämtliche Stimmungen. Die Lust zur Veränderung zelebrierte die Band auch auf der Bühne, das ständige Wechseln der Instrumente trug seinen Teil dazu bei. Platz zum Runterkommen wurde zu keiner Zeit gewährt, und wie gut es sich anfühlte! Als Régine Chassagne für „Sprawl II“ nach dem Überhit „Afterlife“ das Mikrofon eroberte, zog sich ihr werter Gatte gar in den Hintergrund zurück. Als dieser wieder zurück war, traute er sich plötzlich auch verbal weiter nach vorn. So ließ er sich erstmal ein Bier aus dem Publikum reichen, nahm einen gehörigen Schluck aus dem Plastikbecher, sagte etwas über Bier, was Bands aus Nordamerika immer über deutsches Bier sagen, und schüttete sich den Rest genüsslich über den Kopf. Man wollte nicht mit ihm tauschen, konnte sich jedoch das Grinsen nicht verkneifen. Nach dem gut gemeinten Ratschlag „Folgt niemals einem Skelett, bis auf dieses eine Mal“ tauchte natürlich der Skelettmann wieder auf (schlaue Füchse!) und die 200 bestens geschulten Fans im vorderen Bereich wussten, was zu tun war! Man hatte das Gefühl, nun ging alles Schlag auf Schlag. Ehe man sich versah, hatte man Win Butler an den Händen kleben während es eine Million Glitzer-Rechtecke regnete. Es passierten wahrscheinlich noch zehn andere wichtige Dinge, die wir mal elegant unter den Tisch fallen lassen wollen. Es ist Zeit fürs Fazit.

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Ob Arcade Fire momentan die aufregendste Band auf diesem Planeten ist, sei mal dahingestellt, wahrscheinlich ja. Sensationell gute Songs konnten sie schon immer schreiben, inzwischen können sie sich auch hervorragend selbst inszenieren, ihre Ideenkiste, wie sie als Künstler wahrgenommen werden wollen, scheint randvoll. Sie sind innovativ wie keine zweiten, ultimative Geheimniskrämer, die nur das nötigste von sich Preis geben. Genau das braucht die Welt. Ebenso braucht die Welt kein weiteres Album, das wie „Funeral“, „Neon Bible“ oder „The Suburbs“ klingt. Obwohl sie inzwischen im Major-Haifischbecken mitschwimmen, besticht das neue Werk durch Eigenwilligkeit und Mut, etwas zu bewegen. Man spürt, dass sie nicht im Geringsten darüber nachdenken, sich einem Massenpublikum zu beugen, zu schwer konsumierbar ihre neuen Songs. Das ist riskant. Das ist groß! Und wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann dass sie ihr Akkordeon eingemottet haben. Aber was für eine Lappalie!

Setlist: Reflektor // Flashbulb Eyes // Neighborhood #3 (Power Out) // Joan of Arc // You Already Know // We Exist // It’s Never Over (Oh Orpheus) // Afterlife // Sprawl II (Mountains Beyond Mountains) // Normal Person // Uncontrollable Urge (DEVO-Cover) // Here Comes the Night Time // Zugabe: Haïti // Wake Up

Arcade Fire im Internet:
Offizielle Homepage: www.arcadefire.com
Facebook: www.facebook.com/arcadefire

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