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Anna Calvi – Strange Weather (Review)

10. Juli 2014

Strange-WeatherBeim Covern bekannter Songs ist es vermutlich ein bisschen so wie beim Übersetzen von Gedichten in eine andere Sprache: eins zu eins geht nicht. Ein Cover ist sehr viel mehr als bloß ein akkurat nachgespieltes Lied, sondern es findet eine Metamorphose statt, bei der aus dem Bekannten etwas Neues wird. Gute Cover können einen überraschen, ohne mit der Vorlage zu konkurrieren. Und im schlimmsten Fall hat man am Ende das Gefühl, dem Original sei ganz fürchterlich Gewalt angetan worden; dann schüttelt man sich kurz und hört als Gegengift ein paarmal die Version, die man schon kennt, die man mag und die sich richtig anfühlt. Es gibt glücklicherweise unzählige Beispiele für den ersten Fall, den besseren.
Die entscheidenden Fragen stellen sich jedes Mal aufs Neue, pauschal beantworten lassen sie sich nicht: Wie viel Eigenes ist erlaubt, wie viel Original muss bleiben, wie viel Neues darf und muss hinzukommen? Wie bewerkstelligt man den Spagat, das Original zu würdigen und zugleich etwas grundlegend Eigenständiges daraus zu schaffen?

Wer Anna Calvi schonmal live gesehen hat, und sei’s bei YouTube, dem dürfte kaum entgangen sein: Die britische Musikerin schreibt nicht jeden Song selbst, den sie auf der Bühne spielt. So hat sie schon von ganz unterschiedlichen KünstlerInnen und Bands wie Edith Piaf („Jezebel“), TV on the Radio („Wolf Like Me“), Beyoncé („Naughty Girl“) oder Bruce Springsteen („Fire“) gecovert und den Liedern nicht nur im wörtlichen Sinn eine neue Stimme gegeben. Manche dieser Cover waren und sind nur live zu hören, andere gibt es auch als Studioversionen. „Jezebel“ etwa hat Anna Calvi noch vor ihrem Debutalbum als Single veröffentlicht, in englischer und französischer Sprache, und damit die Erwartungen mächtig in die Höhe sprießen lassen. „Fire“, „Wolf like me“ sowie den Elvis-Presley-Klassiker „Surrender“ gab es immerhin als B-Seiten: So viel zu der Frage, weshalb sich der Kauf von Singles immernoch lohnt.
Vier Jahre nach „Jezebel“ wird es nun eine EP geben, auf der jedes einzelne der fünf Lieder gecovert ist. Die Originale stammen von MusikerInnen, die man ansonsten wahrscheinlich eher nicht aneinanderreihen würde: Der Titelsong „Strange Weather“ wurde von Singer-Songwriterin Keren Ann geschrieben. Dann ist da noch die Londonerin FKA Twigs vertreten („Papi Pacify“), ebenso der Neuseeländer Connan Mockasin („I’m The Man That Will Find You“). Vom legendären Debütalbum der New Yorker Electroclasher Suicide stammt „Ghost Rider“. Und David Bowie ist mit „Lady Grinning Soul“ auch Teil dieser wunderbar wunderlichen Tracklist.

Das eigentlich Erstaunliche an dieser Zusammenstellung ist nicht, dass die Mischung so obskur ist, oder dass es dem Anschein nach so wenige Berührungspunkte zwischen den Original-Songs gibt. Das Erstaunliche ist, wie spielerisch Anna Calvi eine Verbindung zwischen ihnen herstellt. Am Ende klingt „Strange Weather“ wie ein neues, originäres Werk; es ist homogen bei all der Abwechslung, die es bietet. Anna Calvis Sound ist schon immer unverwechselbar und eigen gewesen. Er ist es auch hier: ätherisch und irgendwie auch ein wenig räudig, stark und sanft zugleich. Ein Klang wie ein Wolkenbruch, wie das Sonnenlicht, das sich durch den Unwetterhimmel bricht, und man weiß nicht, ob als nächstes ein Gewittersturm kommt oder die ganz große Hitze. „Strange Weather“ ist eine Überraschung, so kurz nach dem zweiten Studioalbum „One Breath“ – noch dazu mit Unterstützung von David Byrne, dem Kopf der grandiosen Talking Heads. Byrne gibt sich beim Titelsong sowie bei „I’m The Man That Will Find You“ die Ehre. Die Produktion lag in den Händen von Thomas Bartlett, der schon mit The National und Antony and the Johnsons zusammengearbeitet hat. „Strange Weather“ ist eine in jeder Hinsicht symbiontische EP, die Anna Calvis bisherigen Alben und ihren Shows in nichts nachsteht.

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