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Amanda Palmer: THE ART OF ASKING

21. September 2015

277a613aeff3e97cAmanda Palmer ist nicht vieles fremd, aber Berührungsängste scheint sie nicht zu kennen. Wenn irgendwo von einem „Star zum Anfassen“ die Rede ist, dann ist meist jemand gemeint, der nicht vollkommen lichtscheu in einem Tonstudio sitzt und über neuen Songs grübelt, sondern eine gewisse Nähe zu denen, die sie hören sollen, pflegt. Amanda Palmer hat dieses Konzept verstanden wie kaum jemand anderes: Anfassen, das ist bei ihr durchaus wörtlich zu verstehen. Ihre Bühnenperformances sind immer auch Dialoge mit den Fans, kein von oben herab gespieltes Entertainment, sondern echte Gemeinschaftsarbeit. Es gehört zu ihren Auftritten dazu, berührt zu werden – durch die Lieder, die sehr persönlichen Anekdoten dazwischen, aber oft genug auch im ganz ursprünglichen Sinn: physisch. Da wird umarmt und geküsst, werden Hände geschüttelt und Autogramme auf die nackte Haut geschrieben. Wer nach einem Konzert direkt nach Hause geht, verpasst unter Garantie etwas. Hinterher mischt sich Palmer unter ihre Fans, signiert, bis alle Kugelschreiber leer sind, macht Fotos mit allen, die es wollen, gibt Ratschläge und viel, viel körperliche Nähe.
Es ist nicht schwer, das Gefühl zu bekommen, man wisse alles über sie, wirklich alles, und vielleicht ein bisschen zu viel. Selbst als dieses Jahr ihr engster Freund, Vertrauter und Mentor, Anthony, an Krebs gestorben ist, war man nah dabei, man musste nur ihren Blog lesen oder ihre Profile bei Facebook oder Instagram aufrufen. Ihre Fangemeinde ist ein großer Freundeskreis, und Freunde sperrt man nicht aus, wenn es einem schlecht geht, im Gegenteil.
Amanda Palmer @ Kesselhaus, Berlin - 04.11.2013Zu intim – das scheint es nicht zu geben. Palmer hat kein Problem mit Nacktheit. Eine halbe Minute Google-Bildersuche reicht aus, um ihre Brüste zu sehen, und ihre Achselhaare. Ein bisschen was über ihre „Map of Tasmania” sollte sich auch fix recherchieren lassen. Dahinter steckt kein Exhibitionismus, sondern ein durchdachtes, fast schon politisches Programm. In ihrem jetzt auf Deutsch erschienen Buch „The Art of Asking” (Eichborn) schreibt sie: „Ich habe kein Problem mit dem Bitten. Egal, um was. Ich habe KEINE SCHAM.” Diese Schamlosigkeit ist natürlich nichts, was die Umwelt einem allgemein dankt. Wer sich für Kameras, Performances oder einfach so auszieht, wer fremde Leute nach Tampons fragt, wer vom Ergrauen der Schamhaare singt – natürlich mit dem Zusatz „but I don’t believe in the beauty standard” – überschreitet Grenzen, bricht die Codes, die unser Zusammenleben bestimmen. Das muss man erstmal lernen. Schamlosigkeit, wie Palmer sie versteht, hat viel mit Befreiung zu tun, es ist eine Form von Emanzipation. Dazu gehört auch das Bitten um Hilfe. Ohne die Kunst des Fragens wäre Palmer nicht da, wo sie ist, mit so viel Unterstützung im Rücken. Ihre Musik finanziert sie mittlerweile über Crowdfunding, nach der lehrreichen Trennung von ihrem früheren Label. Das Fragen nach Unterstützung hat sie, so paradox es klingt, zu einer unabhängigen und selbstbestimmten Künstlerin gemacht. Das Ganze würde aber nicht funktionieren, würde nicht eine mindestens genauso große Bereitschaft zum Teilen dahinterstecken. Angefangen hat die als Straßenkünstlerin. Eine lebende Statue, im Brautkleid und weiß geschminkt: ”die pure, körperliche Manifestation des Bittens“. Die Bitte um Geld hat Überwindung gekostet. Aber sie hat gelernt, dass sie etwas zurückgibt: Eine kurze, sehr menschliche Begegnung, eine Blume, riesige kleine Gesten eben.
Amanda Palmer @ Kesselhaus, Berlin - 04.11.2013Amanda Palmer ist mit dem Autor Neil Gaiman verheiratet. Auch darüber, über ihre Beziehung, ihr Zusammenleben, weiß man gefühlt alles, was es zu wissen gibt. Die Nachricht von Palmers Schwangerschaft dürfte trotzdem einigermaßen überraschend gewesen sein, auch für Fans. Aber natürlich haben seitdem zahllose Bilder mit wachsendem Babybauch dafür gesorgt, dass sich alle schonmal daran gewöhnen konnten, dass ihr Repertoire um eine große Rolle bereichert wird: die als Mutter. Anthonys Geburt wurde heute verkündet, zusammen mit einem Foto von ihm, seiner Mutter und seinem Vater. Wer Amanda Palmers Geschichte die letzten Monate über verfolgt hat, wird die Entscheidung für diesen Namen sofort verstehen. Glücklich und weltfern sehen die Eltern auf dem Bild aus, es ist nur ein kurzer Beitrag, ungefiltert und unmittelbar. Aber: „someday i’ll tell you the whole story”, verspricht Amanda Palmer da. Wir freuen uns darauf. Wenn nötig, würden wir sogar danach fragen – jetzt wissen wir ja, wie’s geht, und auch, warum es wichtig ist.
Lieber Anthony: Hola, Comrade!

Amanda Palmer im Internet:
Offizielle Homepage: www.amandapalmer.net
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