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Amanda Palmer live @ Kesselhaus, Berlin | 04.11.2013

6. November 2013

Amanda Palmer @ Kesselhaus, Berlin - 04.11.2013Vergesst all unsere bisherigen Schwärmereien über andere Künstler. Amanda Palmer stopft sie nämlich alle gemeinsam in den Sack. Amanda Palmer ist die Königin von allen. Sie schreibt ihre Songs nicht mal eben im Vorbeigehen und verziert diese mit möglichst graziösen Unnahbar-Fotos. Sie stößt auch keine auf Gewinnmaximum ausgerichtete PR-Maschine an, damit möglichst viele Leute ihre Alben kaufen und zu ihr hochschauen. Sie ist keine Erfindung der Plattenidustrie, sondern eine Künstlerin, die sich selbst immer wieder neu erfindet.

Auf dem Höhepunkt ihrer kommerziellen Karriere, als sie gerade mit den Dresden Dolls 250.000 Einheiten unter die Leute gebracht hatte und in einem Atemzug von ihrem Major-Label aufs Butterbrot geschmiert bekam, dass man bei diesen Verkaufszahlen eindeutig von einem Misserfolg sprechen muss, verstand sie endgültig, um was es ihr wirklich geht. Bedingungslose Fannähe und vor allem Kontrolle über ihr eigenes Produkt lässt sie nachts besser schlafen – im eigenen Bett, im Tourbus oder auf der Couch eines Fremden. Bei und mit ihr ist alles möglich – nicht ausgeschlossen, dass man selbst einmal von ihr eine Couchsurfing-Anfrage erhält. Man würde diese natürlich selbstverständlich nicht ablehnen. Aber nicht weil sie ein Star ist, sondern weil sie ein Mensch mit Idealen ist, ein Mensch, der bedingungslos für seine Kunst lebt und die Fans wie einen Freund behandelt, mit dem man über alles reden kann, ob Schamhaarfrisuren oder wie man am besten gemeinsam die Welt retten kann. Amanda Palmer gibt einem Denkanstöße und unterhält einen im gleichen Atemzug. Über sie könnten ihre Fans – die vergangenes Jahr ihr Album „Theatre Is Evil“ mit über 1 Million US-Dollar gefundet haben – tausende Bücher schreiben, wahrscheinlich würde sie diese noch persönlich lesen.

>> Zu allen Bildern von Amanda Palmer @ Kesselhaus in Berlin

Berlin und Amanda Palmer passen insofern gut zusammen, da sich die Amerikanerin in jungen Jahren als Stripperin namens „Berlin“ ihre Brötchen verdiente, wenn sie nicht gerade irgendwo anders eine Pantomime-Show abzog. Das Kesselhaus war ausverkauft, als sie vor zwei Tagen mal wieder in der Hauptstadt vorbeischaute. Viele Fans streckten ihre Spiegelreflexkameras in die Höhe. Amanda hatte ihnen die Erlaubnis dazu erteilt. Auch für uns hieß es dieses Mal: Feuer frei aus allen erdenklichen Ecken des Raumes – für ganze zweieinhalb Stunden. Wir betonen: Das ist kein Normalfall. Natürlich erwartete man nicht, dass Amanda Palmer wie jeder andere Künstler seine Show AUF der Bühne startet. Und natürlich tat sie das nicht.

Oben auf der Empore an der Rückwand des Kesselhauses drückte sie einem Fan ein Mikrofon in die Hand, in das sie mit Ukulele gewappnet für zwei Minuten einen Jürgen Drews-Song („Ich bau dir ein Schloss“) in ein wohlklingendes Kunstobjekt verpackte. Schwer vorstellbar, aber glaubt uns! Nach einem Sprint durchs Publikum und auf der Bühne angekommen, ging es rebellisch weiter. Auf „Do It With A Rockstar“ folgte eine Interpretation von „Smells Like Teen Spirit“, und ungeniert und gänzlich ohne Ankündigung setzte die Sängerin zum Sprung an. Sie liebt das Bad in der Menge! Recht häufig hielt sie sich am rechten Bühnenrand auf, dort stand halt ihr nicht wegzudenkendes Tasteninstrument. Um sie herum schwebten Luftballons, die sie etwa nach der Hälfte der Show auf einem überdimensional großen Stofftuch einmal quer durchs Publikum chauffierte. Kurz danach bat sie ihre Fans ihr doch bitte an berlin@amandapalmer.net eine E-Mail zukommen zu lassen, damit sie ihnen persönlich Bescheid sagen kann, wann sie das nächste Mal in der Stadt ist. Sie kündigte an dieser Stelle eine längere Pause an. Sie möchte sich auf nichts und niemanden, nur auf sich selbst verlassen. „You know I am still not with a major label, it’s just you and me.“

Getragen von ihren wunderbarem Grand Theft Orchestra veranstaltete Amanda Palmer zusammengefasst ein Knallbonbon-Konzert der Extraklasse mit unzähligen besonderen Momenten, Monologen, Dialogen und Bierduschen. All diese Highlights aufzuzählen würde wohl den Rahmen sprengen. Lieber betonen wir einmal mehr, dass wir Amanda Palmer für eine Ausnahmekünstlerin halten, die wir euch unbedingt ans Herz legen. Tragt euch in ihre Mailingliste ein, so wisst ihr beim nächsten Mal vor allen anderen Bescheid, wann ihr euch euer Ticket für das nächste Konzert kaufen müsst.

Amanda Palmer im Internet:
Offizielle Homepage: www.amandapalmer.net
Facebook: www.facebook.com/amandapalmer
Twitter: www.twitter.com/amandapalmer


1 Kommentar

  1. Du sprichst mir mit Deinem Artikel aus der Seele, vielen Dank für den schönen Bericht. Wir können froh und dankbar sein das es Künstler wie Palmer gibt. Ich war beim Konzert in Hamburg sechs Tage zuvor und war einfach begeistert.

    #64391

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