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Abschied und Neuanfang der Leipziger NITROLYT…

19. März 2009

Von der saufenden Spaßkapelle hin zu frommen Buben? Was mit Metallica-Covern begann, endete jüngst mit einer modernen Interpretation des andächtig-hübschen Weihnachtsliedchens ‚Maria durch ein‘ Dornwald ging’… Doch nun ist Schluss. Die Leipziger Nitrolyt sind nicht mehr

Und trotz der räumlichen Nähe hatte ich bis zu dem Tage des Interviews mit Alphamännchen und Gitarrist Sebastian nur ein einziges Mal live erleben dürfen: bei der 2007er Ausgabe des sagenumwobenen Dong Open Air auf der westfälischen ‚Halde Norddeutschland‘, in Fachkreisen einfach nur ‚Dongberg‘ genannt. Genau, jenes Kultereignis, das in diesem Jahr nach gerade mal vier Stunden ausverkauft war… Die Quintessenz dieses denkwürdigen Ereignisses konnte man folgendermaßen zusammenfassen:

Nitrolyt - 28.02.2009 #1 „…was die bunt gemischte Truppe Nitrolyt – ein amerikanischer Sänger mit schnuffigem Deutsch, ein gut frisierter, cool posender Gitarrist, ein verdammt junger Basser, ein grunzender 1,60m-Keyboarder und ein dürrer Fellezerstörer – hier vom Stapel ließ, zeugte von äußerster Spielfreude, technischem Know-How und fuckin’ Metal’n’Roll, welcher hin und wieder vor allem in Sachen Gitarren an Disillusion denken ließ, mehr mit ihnen jedoch kaum gemeinsam hat.“ (KKR, 01.08.2007 @ RockZOOM.de)


Etwa eineinhalb Jahre später traf ich wieder auf Sebastian, welcher mir auf der Rockzone-LE, dem mittlerweile zum dritten Male unter seiner Mitorganisation stattfindenden Rockevent schlechthin, der zum Teil etwas beschämt in Erinnerungen schwelgte und bereitwillig Ausblick auf das Kommende gab…

KKR: Letzter Auftritt von Nitrolyt, was ist das denn für ein Gefühl?

Sebastian: Es ist eben so: Nachdem Stephen, unser ehemaliger Sänger, gegangen ist, haben wir festgestellt, dass wir unseren neuen Sänger, Matthias, ja schon seit eineinhalb Jahren haben. Matthias macht sein Ding auch super, aber wir merken halt, dass wir mit ihm in eine andere Richtung wollen. Wir basteln da auch schon dran. Und da haben wir uns gesagt, eben weil das eine neue Richtung ist: ‚Schließen wir mit dem Alten ab und beenden das heute erstmal.‘ Ist manchmal auch gar nicht verkehrt, einfach mal einen Schlussstrich zu ziehen, denn dadurch haben wir dann auch den Kopf frei und haben nicht mehr diese Schublade, in der man trotzdem irgendwo steckt. Wir lassen einfach mal die fünf Jahre gut sein… Ich mein, wir haben als Schülerband angefangen; da ist mittlerweile auch viel im Internet zu finden, was wir gar nicht mehr so wollen, dass man’s sieht… Demzufolge ist das für uns einfach eine Chance. Gut, da haben wir eben gesagt: ‚Machen wir heute einfach nochmal Remmi-Demmi und hoffen, dass es nochmal ordentlich abgeht und dann gehen wir neue Wege.

KKR: Wann und wie wurde Nitrolyt eigentlich gegründet? Du sagtest was von fünf Jahren…

Sebastian: Sechs Jahre sind’s mittlerweile… Sieben? Hm, wirklich lange her! Also, der Keyboarder und ich waren Klassenkameraden, den Schlagzeuger hab ich dann durch Zufall irgendwie kennengelernt. Wir drei sind die Urgesteine und der Rest kam mit der Zeit dazu. Aber wir waren Schüler; bei einer Schülerband ist’s ja meistens so, dass man noch einen durchaus anderen qualitativen Standard hat als später…

KKR: Vor „Hollywood Death Scene“ – ich kenn ja nur die eine – gab’s ja noch einige andere EPs. Wie waren die denn so?

Sebastian: Also es gab drei. Die direkt davor gab’s „Just Another Angry Record“ und die hatte schon durchaus Ähnlichkeitkeit mit der „Hollywood Death Scene“, war aber ein bisschen mehr ‚auf’s Maul‘. Die EP davor hieß „Tripped“, da hatten wir gerade ’ne komische Phase gehabt… äh ja… und davor wiederum gab’s unsere allererste Platte, „Commando Metal“… Also wir haben halt auch als Spaßkapelle angefangen. Und da ging es darum, dass „Commando Metal“ die Welt retten wird. Wir waren das „Commando Metal“, die vor schlechtem Musikgeschmack retten wollten… Ja, das waren eben so die Anfänge; man belächelt es dann doch als Jugendsünden. Das was jetzt kommen soll, wird doch wesentlich erwachsener werden…

Nitrolyt - 28.02.2009 #2

KKR: Und wie kann man die Anfänge musikalisch einordnen?

Sebastian: Wir haben als Metallica-Coverband angefangen. Unser allererstes Lied war ‚Nothing Else Matters‘, sowas von klischeehaft… Dann haben wir uns hochgearbeitet und immer mehr von denen gespielt, dann festgestellt, dass es doch mehr Bock macht, eigene Sachen zu spielen. Unseren ersten Song spielen wir immer noch! ‚Incredible Georg‘ war der erste Song, den wir je geschrieben haben – natürlich mittlerweile etwas weiterfuchst – aber prinzipiell ist der erste Song immer noch mit in der Setliste, er funktioniert!

KKR: Ich habe gehört du hast auf den ersten EPs gesungen? Ihr hattet ja euren Mittlerweile-nicht-mehr-Sänger nicht von Anfang an…

Sebastian: Ja, das hab ich. Unser Sänger kam erst 2005 über eine Annonce, nachdem wir bei der Arbeit an der zweiten Scheibe festgestellt haben, dass die Scheibe an sich ganz cool war, aber mein Gesang eigentlich mal gar nicht ging. Dann haben wir eben gesucht und durch Zufall kam Stephen dazu. Unser alter Basser hatte dazu einen Aushang in Halle gemacht und wir dachten ‚Halle… naja, schön‘, aber tatsächlich hat sich darüber dann Stephen gemeldet und es ging los…

KKR: Euer letztes Werk war ja ein doch sehr frommes: ‚Maria durch ein‘ Dornwald ging‘. Ich habe sogar von Leuten gehört, dich sich auf diesen Song hin eure letzte EP gekauft haben! Die wollen unbedingt, dass ihr weiterhin solche Sachen macht. Aber die Frage ist überhaupt erstmal: Wie kommt ihr ausgerechnet zu diesem Lied?

Nitrolyt - 28.02.2009 #3 Sebastian: Das hängt damit zusammen, dass wir in Hannover schon vor drei Jahren mal auf der „Metal X-Mas Invasion“ gespielt haben; und voriges Jahr haben wir wieder dort gespielt. Es ging darum, Weihnachtszulieder zu ver“metal“en… Und das war eben das einzige Lied was schon in seiner Rohfassung etwas düster klingt. Wir finden’s alle eher suboptimal, wenn man so ein Weihnachtslied wie ‚Jingle Bells‘ nimmt, drüberbrüllt und fette Drums drunterlegt. Das war nicht das Ziel; wir wollten dem Ganzen eine ganz gewisse Note geben. Mehr gibt’s dazu eigentlich nicht zu sagen. Gut, der Gesang geht so in etwa in die Richtung wo es im Endeffekt auch hingehen soll, aber wir sind prinzipiell keine christliche Band. Wir sind eher – wie soll man’s sagen? – …Wir befassen uns einfach nicht mit Glauben. Es ist ja nicht, dass wir jetzt meinen müssten wir hätten was dagegen, aber es trifft unser Anliegen eigentlich nicht.

KKR: Wie wird’s nun weiter gehen? Bleibt die Band in der Besetzung bestehen, nur mit anderem Namen?

Sebastian: Genau. Das Gute ist ja, wir haben Zeit…

KKR: Ich fand den Namen eigentlich gar nicht schlecht…

Sebastian: Nitrolyt? Ja, aber es ist halt damit behaftet, dass das Ganze mit Stephen war. Ich finde irgendwie es war Stephens Band und Stephen ist jetzt in Amerika, demzufolge ist jetzt damit Schluss. Wir würden eben jetzt gerne Matthias‘ Band machen… Klingt zwar doof, aber ich finde, der Sänger ist immer irgendwie immer das Aushängeschild einer Band und wir möchten und wir möchten ihn auch vor allem davor schützen, sich weiterhin immer mit Stephen vergleichen lassen zu müssen… Was nicht funktionieren wird, da die Leute das immer gerne machen. Die meinen eben, dass sie Stephen, der ein ganz anderer Typ ist, mit Matthias vergleichen müssen. Dem wollen wir gänzlich aus dem Weg gehen und machen was völlig Neues und hoffen mal, dass das zünden wird. Es soll alles polarisierender werden als das vorherige Material… aber überraschend.

KKR: Polarisierend inwiefern? Was Texte und/oder die Musik betrifft?

Sebastian: Ja. Wir hoffen auch, dass es textlich schon etwas „grenzwertig“ wird. Aber Matthias macht die Texte. Früher hat sie Stephen gemacht; Matthias steht halt auf andere Sachen, die ich aber alle noch nicht weiter ausplaudern möchte. Sind wir mal gespannt… Es ist eben immer ein Kunstprozess und wir lassen vieles jetzt einfach mal entstehen. Klingt jetzt dramatischer als es ist; wir sitzen jetzt eben nur länger an einem Lied als früher und grübeln eher.

Nitrolyt - 28.02.2009 #8 KKR: Wie kann man denn den neuen Stil beschreiben? Wenn man das überhaupt möchte…


Sebastian: Von dem neuen Zeug noch gar nicht. Wir haben zwar schon Lieder fertig, aber wie schon gesagt, wir können uns da nicht wirklich drauf festlegen. Wenn’s nocht nicht fertig ist, kann ich noch nichts drüber sagen.

KKR: Hast du dann weiterhin noch andere musikalische Projekte am Laufen?

Sebastian: Ja, ich hab da noch die Coverband, The Legend so Far. Coverband, das klingt immer so spießig, aber wir haben gerade auch versucht, aus dieser Spießigkeit herauszukommen und spielen da so Alternative Rock- und Pop-Sachen der letzten 10-15 Jahre: Mucke die prinzipiell eh schon ein bisschen cooler ist, nicht so für Mama und Papa, sondern eher für die Jugend. Das ist eben auch Musik mit der wir mehr anfangen können; ich stell mich nicht hin und spiele irgendwelche Musik nach, die ich nicht gut finde. Das ist Mucke die geht eben ’nen bisschen mehr nach vorne und da machen wir richtig Party, auch bei Veranstaltungen. Ansonsten müssen wir mal gucken was da unter Umständen noch so an Projekten entstehen kann. Ich hab gerade den Kopf voll mit Ideen; da kann was entstehen, muss aber nicht…

Ein paar Stunden später stand Sebastian mit seiner Band das letzte mal unter dem Namen Nitrolyt auf der Bühne. Es sollte sich trotz der kleinen Panne mit der Intro vom Band zu Beginn doch als ein denkwürdiger Auftritt herausstellen, der vor allem noch einmal zwei Merkmale der Band hervorragend unterstrich: die Frage nach dem berühmten ‚Wo ordne ich diese Jungs überhaupt ein? Modern Metal irgendwie…‘ und die Tatsache, dass jeder auf der Bühne seine eigene individuelle Art zutage bringt, post und grinst, das Publikum bei Laune hält und enorm viel Energie versprüht. In der Hinsicht tat der Frontmann-Wechsel wahrlich der Live-Qualität keinen Abbruch. Es hat jedenfalls einmal mehr verdammt Spaß gemacht und dem größtenteils doch sehr fantreuen Publikum hat es dem Applaus nach zu urteilen, auch ganz wunderbar gefallen.

Danke für dieses tolle Abschiedskonzert und alles Gute für die Zukunft! Wir sind gespannt!

>> Nitrolyt @ Myspace: www.nitrolyt.de

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