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„A Skin Too Few – The Days of Nick Drake“

29. Juni 2008

Nicholas Rodney Drake wäre vor ein paar Tagen 60 Jahre alt geworden. Ein Alter, welches er bei weitem nicht erreichte. 1974 beendete der britische Singer-Songwriter sein Leben durch eine Überdosis Antidepressiva. Erst Jahre, ja eigentlich erst Jahrzehnte nach seinem Tod, gelangte er zu der Aufmerksamkeit, die ihm eigentlich zuteil werden sollte, die er verdient hatte und nicht bekam, deren Fehlen schwer an ihm zerrte, wie so vieles in seinem Leben.

„Ich sage immer, dass Nick mit einer Haut zu wenig geboren wurde“, so Gabrielle Drake, Nicks schauspielernde Schwester, die den Zuschauer durch den Dokumentarfilm „A Skin Too Few“ geleitet; durch einen eindrucksvollen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2000, welcher der im November letzten Jahres wiederaufgelegten CD- bzw. LP-Box „Fruit Tree“, die alle seine drei Alben nebst 100-seitigem Booklet enthält, nun als Bonus-DVD beiliegt.
“A Skin Too Few - The Days of Nick Drake”
47 Minuten nehmen einen bei der Hand durch die Tage des Nick Drake, von Birma über Cambridge, London bis Tamworth-in-Arden. Und schon in den ersten Sekunden erfährt man mit dem tieftraurigen streicheruntermalten „Way to Blue“ und den idyllischen Landschaftsaufnahmen Mittelenglands, wie liebevoll dieser Film die Tragik der Person Nick Drake nachzuzeichnen versucht. Es wird wenig und ruhig geredet, schon beinahe sakral die Andacht beim Blick in Nicks Zimmer: das mit dem runden Fenster, dem großen alten Bett, den scheinbar noch unberührt daliegenden privaten Gegenständen.
Ein antiquierter Schleier liegt auch auf den zeitgenössischen Interviews. Die Gespräche mit Nicks Schwester, der Schauspielerin Gabrielle Drake, entstanden um das Jahr 2000, doch liegt in ihren Bildern ein Hauch der frühen Video-Farbfilme um 1950, die den jungen Nick spielend am Strand zeigen. Regisseur Jeroen Berkvens vermied die Brüche der Zeit zugunsten einer bruchlosen chronologischen Revue dieses kurzen Lebens.

Abgesehen von Gabrielle kommen auch nur sehr wenige Personen zu Wort: ein Studienfreund aus Cambridge oder Robin Kirby, Letzterer verantwortlich für die zauberhaften Arrangements etlicher Songs, vor allem auf dem ausgiebig orchestral untermalten „Bryter Layter“-Album, dem zweiten von insgesamt nur drei Langspielplatten des melancholischen Genies. Doch am essentiellsten und am nächsten klingt er wohl wenn man nur seine ruhige warme Stimme und die mit kompliziertem Fingerpicking gespielte Gitarre zu hören bekommt. Auf dem finalen „Pink Moon“ zum Beispiel. Reduzierter. Einfach näher… Ein besonderes Schätzchen stellt vor allem auch die Tonbandaufnahme eines Molly Drake-Songs dar, die Gabrielle mit feierlich nachdenklichem Blick abspielt. Mutter Molly war nämlich ein maßgeblicher Einfluss auf den jungen Nick als Musiker. Die gleiche ruhige Trauer in der Stimme, simple und doch prägnante Songstrukturen, ähnliche Texte mit Bildern aus der Natur. Am Ende klingt es gar schön, ohne aufgesetzt zu wirken, vollkommen natürlich. Am Ende findet man sogar Mut und Freude und kann sich glücklich schätzen, eine Haut mehr zu haben. Lange habe ich überlegt, ob man Nick Drake überhaupt in unsere Kategorie „Pleasing Sounds“ aufnehmen kann und entschloss mich aus eben diesem Grund doch dafür. Vielleicht nicht unmittelbar erfreuend, doch auf jeden Fall erfüülend und bereichernd präsentiert sich sowohl die Musik als auch diese stimmige Bild-Ton-Einheit mit den tiefen Einblicken in das Leben des sensiblen Musikers.

Ein wahrer Schatz eines wahrhaft unschätzbar traurigen Ausnahmemusikers.

Living grows ‚round us like a skin
to shut away the outer desolation,
for if we clearly marked the furthest deep,
we should be dead
long years before the grave.

But turning around within the homely shell
of worry, discontent, and narrow joy,
we grow and flourish, and rarely see the outside dark
that would confound our eyes.

Some break the shell.

I think that there are those who push their fingers
through the brittle walls and make a hole,
and through this cruel slit stare out
across the cinders of the world
with naked eyes. They look both out and in,
knowing themselves, and too much else beside.

– „The shell“ by Molly Drake


» http://www.nickdrakefilm.com/
» http://www.brytermusic.com/

Keine Kommentare

  1. Sheik Yerboutie

    Die DVD scheint ja wirklich ein interessantes Feature zu sein – schade, dass ich nur die alte LP-Box kenne, die diese noch nicht enthält.

    Ohne den Inhalt genau beurteilen zu können, kann ich nur eines sagen: Aus meiner Sicht gibt es keinen besseren Titel als den gewählten. Ich gehöre ganz sicher nicht zu den Leuten, die sich mit Nick Drake wirklich lang und eingehend auseinandergesetzt haben und kann mich deshalb nur auf die Empfindungen stützen, die ich selbst beim Hören seiner Musik habe.

    Vielleicht ist es auch naiv und unangemessen ohne viel Hintergrundwissen so etwas in den Raum zu stellen – aber die Bürde, die er durch sein Leben tragen musste, war das tatsächlich nur eine krankhafte Depression oder möglicherweise auch zumindest zum Teil ein tiefgehender und vielleicht sogar für manche nachvollziehbarer Weltschmerz?
    Nick Drake war aus meiner Sicht ein sensibler Mensch ohne diese „zusätzliche Haut“, die man anscheinend in unserer Welt benötigt – und wahrscheinlich gerade deswegen ein Künstler mit einer Feinfühligkeit, die man in unserer heutigen Musik meiner Meinung nach vergeblich sucht.

    Ein Zitat kommt mir deshalb unweigerlich in den Sinn:

    „Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann.“ (Jean-Paul Sartre)

    #945
  2. „die Bürde, die er durch sein Leben tragen musste, war das tatsächlich nur eine krankhafte Depression oder möglicherweise auch zumindest zum Teil ein tiefgehender und vielleicht sogar für manche nachvollziehbarer Weltschmerz?“

    Die Depression kam wohl erst durch seinen zu Lebzeiten kommerziellen Misserfolg, während Sensibilität doch eher etwas Angeborenes, nur schwer Erlangbares ist, das Wort „sensibilisieren“ hin und her, von 0 auf 100 bringt es einen nicht. Zum Thema Depression als Krankheit sagt Nicks Studienfreund Brian Wells in eben diesem Dokumentarfilm:

    „…He was treated with anti-depressant drugs, and I don’t think the psychiatrist could have done anything else, because if you’re presented somebody like this – privileged background, done well at school, got to Cambridge – what else are you going to diagonose? Doctors are thinking in terms of diagnoses. I see it more a an existential thing, that the world is becoming a rather heartless and futile place…“

    Man kann schon oft froh sein, „eine zusätzliche Haut“ zu haben. Glücklich der, der diese dann bei Bedarf wie einen Mantel abstreifen kann, um sich frei den äußeren Einflüssen entgegenzustellen.

    Und noch einmal zum Thema Molly Drake, um vielleicht noch das Thema Vererbung mit ins Spiel zu bringen: http://www.youtube.com/watch?v=wSK6jpb5ObQ
    Das ist Nick(s Mutter)!

    #947

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