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40 Jahre Edition of Contemporary Music (ECM)

31. Dezember 2009

1969 war mehr als das Woodstock-Jahr. Fernab der gitarren- und drogengesättigten Schlammschlacht schlug man in München mit der Gründung der Edition of Contemporary Music erstmals die weiten, ruhigen Töne an, die zu einem Markenzeichen dieses einzigartigen Labels werden sollten. Der Gründer Manfred Eicher kam aus der Kammermusik und brachte deshalb deren präzise Klangvorstellungen und die gewisse Reduktion auf das Wesentliche mit. Er selbst hatte bis dato hauptsächlich als Bassist aktiv Musik gemacht – eine Voraussetzung, die sicherlich seine Herangehensweise an Jazz-Produktionen beeinflusst haben dürfte. Denn auch hier legte er von Beginn an Wert auf das Verbindende, nicht unmittelbar für den oberflächlichen Hörer Wahrnehmbare, das letztlich der Musik zum überzeugenden Gesamteindruck verhilft.
Eichers Herangehensweise sicherte ihm von Beginn an das Vertrauen namhafter Künstler wie Jan Garbarek und Keith Jarrett; mit letzterem nahm er 1975 „The Köln Concert“ auf – bis heute die meistverkaufte Soloveröffentlichung im Jazz. Das Klangspektrum wurde über die Jahre immer breiter und exotischer, ohne dass man den Kern der ECM-Ästhetik je verwässert hätte. Die in sich ruhende Klarheit und die klangliche Tiefe prägt immer noch nicht nur die audiophilen Produktionen verschiedenster Genres, sondern in vielen Fällen auch die musikalischen Strukturen der Künstler. Eine faszinierende Harmonie, die viel Dynamik und Luft zum Atmen mitbringt, viel Spannung und spielende Auflösung.

Steht man als Neuling vor der schier gewaltigen Zahl an Veröffentlichungen, sind gewisse Orientierungspunkte und Trittsteine vonnöten. Jan Garbarek bietet sich hierfür nicht nur wegen seiner weit zurückreichenden Beziehung zum Label an, sondern auch wegen seinen zugänglichen Kompositionen, die gleichzeitig in vielerlei Hinsicht eine gewisse Zusammenschau für ECM charakteristischer Elemente wie der nordischen Weite und der melancholischen Seele darstellen. Dagegen repräsentiert Nik Bärtsch mit seinen Ronin genannten Mitmusikern eine ungewöhnlichere Stilistik, die auf den Namen Zen Funk hört. Hier fusionieren hochgradige Präzision, meditative Rhythmik und ein aus der ostasiatischen Kampfkunst stammendes Selbstverständnis. Aus unscheinbaren Motiven werden auftürmende Module gewoben, bei denen das Zusammenspiel der Musiker im Vordergrund steht und gerade dadurch den Blick auf die Entwicklung der Lieder freimacht.

Tord Gustavsen: Being ThereWer das melodische Pianospiel von dem großen, 2008 verstorbenen Esbjörn Svensson vermisst, wird in Tord Gustavsen mit seinem Trio keinen Ersatz, aber einen Trost finden. Denn der norwegische Pianist breitet elegische Harmonieflächen aus, auf denen melodische Figuren gedeihen, während Bass und Schlagzeug den mal sanft fließenden, mal aufbäumenden Pulsschlag liefern.

Schon beinahe als ECM-Hausmusiker – seit nunmehr fast 20 Jahren ist er im Kader des Labels – kann der Tunesier Anouar Brahem bezeichnet werden. Der Oudspieler und Komponist vereint unprätentiös zeitgenössischen Jazz und traditionelle orientalische Musik, ohne sich dabei mit seiner Kurzhalslaute in den Vordergrund zu spielen. Das hebt ihn ab von vielen anderen Crossover-Künstlern, die betont den „Culture Clash“ anhand einer möglichst bunt zerwürfelten Instrumentenvielfalt darstellen wollen. Brahem setzt auf ausgeklügelte, fließende Arrangements, die ein dichtes, oft melancholisches Gesamtbild zeichnen. Das Händchen für gute Kompositionen ist wohl auch seiner Vergangenheit als Tondichter für diverse Filme und Bühnenstücke zu verdanken. Bester Beweis für das klangdramaturgische Talent Brahems ist wahrscheinlich sein jüngst erschienenes traurig-schönes Album „The Astounding Eyes of Rita“.

Doch das ist nur ein winzig kleiner Abriss einer über Jahrzehnte hinweg konstant höchstqualitativen Werkpalette des Münchner Labels. Eine vollständige Übersicht findet sich auf www.ecmrecords.com.

Man erkennt die meisten Werke im CD-Regal übrigens an der charakteristischen Aufmachung: Nicht selten wird der Hörer schon beim Cover in alltagsferne Klangwelten geführt: Düsterschöne Landschaften gespickt mit lichternen Hoffnungsschimmern malen den Weg in die audiophilen Hörgenüsse voraus… einen Weg, den dieses ganz besondere Label hoffentlich noch lange Zeit in dieser Qualität weiterverfolgen wird.

Text: Sven Boese

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