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II. ProgPower Scandinavia @ The Rock, Kopenhagen | 31.10.-01.11.2008

19. November 2008

Samstag

Nachdem ich am Freitag schon den größten Teil des Kopenhagen-Sightseeings durchlaufen hatte und mir noch etwas der Schädel vom Vorabend brummte, entschied ich mich im Angesicht meiner Vormittagsgestaltung für die einzig weise Option: Fight fire with fire. Und so bot es sich nach einer durchzechten Nacht an, der Carlsberg Brauerei einen Besuch abzustatten und den Werbeslogan “Probably the best beer in the world” auf Herz und Nieren (und wohl auch Leber) zu prüfen. Angesichts des günstigen Preises von 50 Kronen (ca. 6 Euro) für Eintritt und zwei Freigetränke lohnt sich der Besuch auch finanziell gesehen… Schon mal dort gewesen? Ein zweites mal ist sicher auch nicht verkehrt. Es gibt immerhin 20 Biersorten durchzuprobieren… Für viel mehr “dänisches Kulturprogramm” hat es bei mir dann auch gar nicht mehr gereicht, da für 16 Uhr das schon mehrfach erwähnte Wuthering Heights-Interview mit Erik Ravn auf dem Programm stand. Bereits um diese Uhrzeit war der Rock voll mit soundcheckenden Musikern und Organisatoren, und trotz der eilig herumhuschenden Crewmitglieder und Helfer machte doch jeder im Team – allen voran Hauptorganisator, Intromental-Manager und Manticora-Sänger Lars Larsen, der hier hauptsächlich den Hut auf hatte – einen kompetenten, gelassenen und zugleich freundlichen Eindruck. Das macht Zuversicht und Freude auf den zweiten Tag… zumal ich mitterweile einen Pressepass hatte und mich der Annehmlichkeiten der Backstagebar bedienen konnte… ;)

Cloudscape - 01.11.2008 #7 Doch viel wichtiger als sich die Rübe volllaufen zu lassen, ist es doch, dieser famosen Musik Augen und Ohren zu leihen. Und gleich der Opener des Abends war mir wohl bekannt und lieb: CLOUDSCAPE aus Schweden mit ihrem hochmelodischen Power/Melodic Prog Metal. Album für Album wurden Cloudscape ein Stück wagemutiger und experimentierfreudiger, oberflächlich könnte man einfach sagen: von mal zu mal progressiver. Live jedoch deckten Mike Andersson und Co. alle ihre bisher erschienenen Alben, drei an der Zahl, sehr gut mit repräsentativen Stücken ab. Überraschend für mich: Der Driver “Under Fire” des ersten Cloudscape-Albums “Cloudscape” war für viele anwesende Metalheads (jedoch insgesamt deutlich weniger als am ersten Tag um diese Zeit) durchaus ein Begriff und wurde sehr euphorisch mitgefeiert. Einzig Sänger Mike Andersson, stimmlich weitestgehend vergleichbar mit seinen Landsmännern Joacim Cans und Christian Liljegren (ehemals Rivel), klang mir an einigen Stellen nicht sonderlich gut aufgewärmt und ließ in den Höhen irgendwie seine besonders charakteristische und sympathische Note vermissen. Alles in allem jedoch ein guter Auftritt, der trotz kleiner “Fitnessschwächen” beherzt ins Publikum getragen wurde.


Lanfear - 01.11.2008 #7 LANFEAR haben mit “X to the Power of Ten” kürzlich ein beachtliches Album hingelegt, mit welchem sie ihren bis dato doch recht straight forward gerichteten Power Metal progressiv angereichert und mit einem durchaus stimmigen 1984-artigen Dystopie-Anstrich versehen haben. Die Entwicklung ist hier also ähnlich zu der von Cloudscape, nur dass die Deutschen generell etwas herber zur Sache gehen. Und das nicht nur auf der Bühne: Es sprach sich herum, dass die Heilbronner als standfeste Backstage-Trinker gefürchtet sind… Ob das anschließende Trinkgelage nun wirklich eintraf, vermag ich nicht zu sagen, doch hatte die Band zumindest auf der Bühne schon sichtlich ihren Spaß – und das ist ja die Hauptsache. Auch die Anwesenden gingen gut mit – Headbanger und gereckte Fäuste, sogar einige Mitsänger bei Songs wie “Another Golden Rage”, waren in ansehnlicher Zahl auszumachen.


MEKONG DELTA stellten für mich eine der großen Überraschungen des Festivals dar. Klar kann man sagen, dass es die Prog Thrash-Kapelle doch schon seit über 20 Jahren gibt – doch in dieser Zusammensetzung? Seit gut 2 Monaten vielleicht. Kein Leichtes für das anspruchsvolle Material der frischen Mannschaft um das Urgestein Ralf Hubert. Jener wirkte an diesem Abend aber selbst auch außerordentlich frisch und ausgelassen. Mekong Delta - 01.11.2008 #3 Mit Leichtigkeit entlockte der alte Hase seinem kopflosen Steinberger-Bass die wahnwitzigsten Tonfolgen mit Präzision und Groove. Vom alten Erich Zann bishin zum 2007er Werk “Lurking Fear” war alles vorhanden. Interessant ist natürlich, vor allem Stücke aus den 80er Jahren in das Livegewand des Jahres 2008 getragen zu hören, gesungen von der nächsten Generation, hier ist das seit neuestem Martin LeMar, unter anderem auch bei der deutschen Progformation Tomorrow’s Eve aktiv. Dieser machte seinen Job mit außerordentlich gutem Einsatz, von Unsicherheiten und Respekt vor dem altehrwürdigen Material keine Spur. So hat er sich die Pause in flotten, anspruchsvollen Instrumentalstücken wie dem “Sabre Dance” (im Original vom Armenier Aram Khachaturian) wirklich redlich verdient. Das Aufgreifen und Bearbeiten von klassischen Stücken osteuropäischer Komponisten ist ja bekanntermaßen eine besondere Vorliebe der Mekongs, man erinnere sich an dieser Stelle nur einmal an die grandiose Reise “Pictures at an Exhibition”… Hoffen wir, dass die Reise noch lange andauert und so spannend bleibt – aber bitte mal mit stabilem (bitte diesem!) Line-up!



Mekong-Gitarrist Erik Adam landete an diesem Tage übrigens auf Rang zwei in der Kategorie “Heiße Höschen”. Der erste Rang geht an seinen Namensvetter Erik Ravn von Wuthering Heights, der seine enge 80er Jahre-Jeans vom Vortag noch toppen konnte und am Samstag souverän in hautengen, rot-schwarz-quergestreiften Beinkleidern glänzte…

Deadsoul Tribe - 01.11.2008 #5 Der sonst auch sehr für seine schillernde Klamottage bekannte Devon Graves zeigte sich jedoch heute wieder “nur” in Jacket und Jeans. Wieder? In der Tat. Mein Erstkontakt mit dieser vorzüglichen Musik war vor nicht einmal zwei Monaten: Im September wurde die Leipziger Moritzbastei Schauplatz einer grandiosen Devon Graves-Akustikshow, eine Seltenheit, denn es gibt ja bekanntermaßen bei InsideOut-Künstlern das Phänomen, dass diese eigentlich nie in den “neuen” Bundesländern spielen… Dabei wäre doch gerade die Hörerschaft in Leipzig oder Dresden auch den progressiven Tönen gegenüber sehr aufgeschlossen. Sei es drum, nun war erst einmal Kopenhagen angesagt, Zeit, Devon mit seinen Kompagnons als DEADSOUL TRIBE in ihrer ganzen Livepracht zu erleben. In Sachen Intensität würde ich diesen Auftritt gleichwohl an der Spitze mit denen von Wuthering Heights und Pagan’s Mind vom Vortag sehen, wobei hier die Emotionen sogar noch höher kochten! Nach ein paar Fotos sah ich also rasch zu, einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern – bei diesem Festival eigentlich nicht besonders schwierig – um mich voll und ganz auf die Musik einlassen zu können. Und da ließ ich mich auch nicht lange bitten! Musikalisch wurde hier jeder Deadsoul Tribe-Fan dank es eines guten Querschnitts durch alle Jahre bedient, ein paar Beispiele: “Powertrip” vom Debütalbum, “Some Things You Can’t Return”, “Angels in Vertigo”, “Spiders and Flies”… und mit “Psychosphere”, “Lost in You” (woah, Gänsehaut!), “Any Sign at All” und “Further Down” gab es gleich einen ganzen Batzen vom 2007 erschienenen “A Lullaby for the Devil”. Deadsoul Tribe - 01.11.2008 #2 Meine Favoriten waren jedoch “Flight on an Angels Wing” und das überraschenderweise gespielte “My Dying Wish”, beide von meinem Immer-noch-Lieblings-DST-Album “The Dead Word”, von vielen so bitter unterschätzt. Warum beschweren sich eigentlich manche Leute, dass so manches an diesem Abend vom Band kam? Beim “elektrolastigen” “My Dying Wish” ist das sogar zwangsweise nötig, einen Keyboarder hat man ja auch nicht. Es hat auch nicht mal unbedingt gestört, dass Devon Graves an diesem Abend stimmlich nicht allzu fit klang: ein paar zu kurze Töne, verschluckte Nuancen… drauf geschissen, that’s rock! DST waren live wesentlich roher und rockender als auf ihren Tonträgern, ein Extrem zum akustischen Soloauftritt Devon Graves’ in der Moritzbastei, aber das war abzusehen. Um mich herum sangen und tanzten die Leute, Haare flogen hier und da – definitiv eines der Festivalhighlights! Obwohl von mir aus auch die Querflöte mehr hätte zum Einsatz kommen können… Nach der Show musste ich mir übrigens vom Drummer Adel (ein exzellenter Trommler, wie er an diesem Abend unter Beweis stellte) erzählen lassen, dass dies wohl der erst einmal der letzte Auftritt der US-österreichischen Formation gewesen sei. Geht man getrennte Wege? Gibt es vielleicht gar eine Psychotic Waltz-Reunion? Macht Graves solo weiter? Warten wir’s ab…


Pain of Salvation - 01.11.2008 #1 Mit Spannung sah ich auch meinem ersten PAIN OF SALVATION-Gig entgegen. Mit genauen Erwartungen bin ich angesichts des stellenweise sehr “poppigen” aktuellen Albums gar nicht herangegangen, doch am wenigsten vorbereitet war ich gewiss auf den Anblick Daniel Gildenlöws, der an diesem Abend sehr seinem Landsmann Ralf Gyllenhammer von Mustasch glich, zumindest was die Gesichtsbeeharung anging, haha. Dazu eine übergroße Sonnenbrille und ein gelbes Hemd und die Selbstironie ward komplett. Vom schon angesprochenen “Scarsick” gab es schon früh das reißerische “America” und “Cribcaged” und es war verdammt voll im Rock – brechend voll, das Partypotenzial des neuen Albums MUSSTE hier einfach zünden. Die Band war bestens aufgelegt und ließ sich stets zu kleinen Scherzchen hinreißen – inklusive einem Geburtstagsständchen an Drummer Léo inmitten von “Undertow”. Ebenfalls neu in der Besetzung ist Per Schelander, bereits der zweite Tieftöner nach dem Weggang von Kristoffer Gildenlöw. Schelander machte seinen Job äußerst gut und sang hier und da auch ganz passable Backing-Vocals. Da es mir nach wenigen Songs im Publikumsbereich zu voll wurde, versuchte ich mein Glück für ein paar gescheite Fotos noch vom Balkon aus, wo sich mit Vanden Plas’ Andy Kuntz, Léo Margarits Großvater und mir auch drei doch recht weit auseinanderliegende Generationen des Rock versammelt hatten um das Treiben von sicherer Distanz aus zu begutachten. Keine schlechte Entscheidung, denn so wurde es möglich, das magische “This Heart of Mine” meines ungeschlagenen Lieblings-PoS-Albums “Remedy Lane” wirklich gebührend zu genießen. Dieser bedächtigen Momente waren es aber nicht allzu viele. Und ein paar jägermeisterliche Songs später fand ich mich zur letzten Zugabe, “Disco Queen”!, erneut unten in der Meute wieder, haha. Eine tolle Party!


Und das könnte man auch ganz gut als Resümee dieses Wochenendes stehen lassen: hochqualitative Musik in bester Gesellschaft – Musiker wie auch Fans aus ganz Europa vermischten sich in dieser gemütlichen Location und hatten eine gute Zeit. Eigentlich gab es keine einzige Band, die hier negativ herausstach, einige waren lediglich geiler als andere… ;) Sehr positiv anzumerken, ich muss es noch einmal wiederholen, sind die wirklich zumutbaren Spielzeiten für die Bands. Jeder konnte sich mindestens 45 Minuten lang auf der Bühne austoben, auch wurden die Zeitpläne stets gut eingehalten. Warum in den Umbauzeiten allerdings immer ein schwarzer Vorhang durch die erste Reihe gezerrt wurde, erschloss sich mir nicht. Sei’s drum, unschöner in organisatorischer Hinsicht war eher das arg schwankende Qualitätsniveau in Sachen Bühnensound und -beleuchtung. Zu viele Köche verderben bekanntlich den Brei und so wäre es wirklich ratsam, sich in Zukunft auf 2-3 Soundmänner zu einigen, die wirklich die Verantwortung für die gesamten Abende übernehmen, dieses Jahr war es wirklich eine sehr bunt besetzte Bude…

Ich war auch sehr erstaunt, dass es keine Festivalshirts gab. Für dieses Line-up muss man sich gewiss nicht schämen, genug Abnehmer hätte es sicher gegeben. Über die Getränkepreise lässt sich natürlich vortrefflich streiten. Es kommen zwar viele Besucher aus Ländern, in denen man gut die Hälfte für ein Pils bezahlt – doch ist Progmusik ja auch nicht primär dazu da, sich die Auftritte mit 1,5 Promille reinzuziehen. Gefeiert wurde trotzdem feuchtfröhlich bis zur Trockenlegung diverser Bars…

Meine Tipps fürs nächste Jahr? Auf jeden Fall ein paar Hopefuls aus dem skandinavischen Prog-Underground. Mir fallen da spontan die blutjungen, verdammt talentierten und dieses Talent bereits erschreckend gut abrufenden Extrem-Progger ANSUR ein… oder die Melodic Prog-Band ILLUSION SUITE, die kurz vor der Fertigstellung ihres Debütalbums steht. Vielleicht auch noch ein paar mehr technisch-fokussierte Bands!? Es müssen ja nicht gleich Cynic oder Atheist sein – obwohl das schon extrem geil wäre, haha – gerne SPIRAL ARCHITECT oder Fredrik Thordendal’s Special Defects, sofern letzterer überhaupt mit seinem krank-genialen Projekt live auftritt. Doch mit ZERO HOUR – ich gehe mal stark davon aus, dass diese im kommenden Jahr spielen werden – ist ja bereits eine sehr versierte, starke Techniktruppe so gut wie bestätigt. Da auch Anubis Gate und Raintime kurz vorm Festival absagen mussten, ist es auch vorstellbar, diese beiden Bands nächstes Jahr in Kopenhagen zu sehen. Ist das Line-up aber auch nur halb so gut wie dieses Jahr, wird RockZOOM aber wieder mit von der Partie sein!


alle Fotos und Texte:

1 Kommentar

  1. [...] Quite a lenghty one with some personal hubbub, but that’s allowed in prog music, aye? >> http://rockzoom.de/2008/11/19/ii-pro…3110-01112008/ And by the way: Read this magnificent Devon Graves interview at Antenna, good job, Mikael! [...]

    #1027

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