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Dark Suns: “Grave Human Genuine”

25. Mai 2008

Über die Vielfalt in der Musik kann man wohl Stunden, ja Tage oder Wochen philosophieren, diskutieren oder sogar streiten. Dabei ist es nicht nur die Musik selbst, die dabei eine Rolle spielt – vielmehr liegt ihre Wirkung auch immer im Auge respektive im Gehör des jeweiligen Betrachters. Spielt man einen Song fünf verschiedenen Leuten vor, so erhält man wohl sechs verschiedene Meinungen über Gefallen bzw. Nicht-Gefallen, über gute und weniger positive Eigenschaften und ganz sicher noch mehr Aussagen darüber, welche Assoziationen die Tonfolgen beim Hörer auslösen. Das macht Musik so vielfältig, erfreulich kurzweilig, aber auch so herrlich unberechenbar! Und so verwundert es auch eigentlich gar nicht weiter, dass sich eine Band wie die DARK SUNS aus dem schönen Leipzig ebenfalls nicht in ein starres Schema pressen lässt.

Auch wenn seit dem letzten Album “Existence” einige Zeit vergangen ist und die dunklen Sonnen in personeller Hinsicht einige Federn lassen mussten, scheint dies der Kreativität der Band um die Gebrüder Knappe keinen Abbruch getan zu haben. dark-suns_ghg.jpgIm Gegenteil: “Grave Human Genuine” ist intensiver, mächtiger, komplexer und herausfordernder als alles, was die Sachsen bislang veröffentlichten. Die Songs wollen erobert werden, sperren sich jeglicher Eingängigkeit, bauen schier unüberwindliche Soundwälle auf, deren Intensität nur noch durch ihre Vielschichtigkeit übertroffen wird. Wo eben noch düstere Metaltöne die Lautsprechermembranen zum Erzittern brachten, wo grad kunstvoll weiche Klangteppiche die Seele zum Entspannen einladen, da brechen urplötzlich instrumentale Wellen über den Hörer herein, duellieren sich doomig anmutende Passagen mit beinahe psychedelischen Tonfolgen, mal rockig, mal innehaltend und immer mit einem enormen Spannungsbogen. Doch wie beschreibt man das Unbeschreibliche, wie fasst man in Worte, was sich in erster Linie in den eigenen Emotionen abspielt? Vielleicht am besten anhand dreier Beispiele, welche die Gegensätzlichkeit aber auch die große Bandbreite dieses Albums aufzeigen!

Gleich zu Beginn, nach dem düster-atmosphärischen, stakkatoartig-experimentellen „Stampede“ steht mit „Flies in amber“ die größte musikalische Hürde direkt am Anfang. Dieser Song ist ein Monster, ein mächtiges Stück Musik und eine Herausforderung für jeden Freund progressiver Metaltöne! Wo eben noch beschwingte Flötenklänge ihr unbeschwertes Spiel zelebrieren, tauchen im nächsten Moment dunkel gekleidete Riffs aus den Tiefen dieser Komposition hervor, erdrücken einen mit ihrer mächtigen Präsenz, um dann wieder urplötzlich innezuhalten und Luft holend Platz für anfänglich fast fragile Vocals zu machen. Dann treten fordernde Growls in den Vordergrund, duellieren sich mit treibenden Gitarren und beunruhigenden Soundsamples, ein Hin und Her unterschiedlichster Tempi und Klangfarben, eine Achterbahnfahrt der Gefühle, und es entsteht eine Art musikalisches Mosaikfresko, denn so unterschiedlich die einzelnen Fragmente auch zu sein scheinen, sie fügen sich letztlich zu einem ungemein homogenen Ganzen, welches sich unlöschbar in die Gehörgänge einfräst. Nein, das ist definitiv keine leichte Alltagskost, sondern eher wie ein geheimnisvolles Buch, dessen Inhalt sich nicht auf Anhieb erschließt, sondern vielmehr nach und nach erobert werden will. Toller Song, zu dessen Intensität sicher auch das gesangliche Mitwirken von Andy Schmidt (Disillusion) gehörig beigetragen hat wie auch das Bassspiel von Kristoffer Gildenlöw, der übrigens auch das ganze Album über die Saiten zupft!

Eine andere Facette ihrer enormen Bandbreite zeigen Dark Suns mit „Amphibian Halo“. Dieser Song beginnt sparsam instrumentiert, enorm düster und bedrohlich gemächlich, um dann mit Einsatzen der Gitarren immer eindringlicher zu werden. Der einsetzende Gesang bringt nur im ersten Moment etwas Licht in die beklemmende Atmosphäre, doch schon bald bauen sich erneut klaustrophobisch-dunkle Mauern um den faszinierten Hörer auf, um zum Ende hin mit verzerrten Vocals und harschen Klangfolgen die ganze musikalische Vielfalt dieses Werks zu manifestieren. Fast wie in einem musikalischen Albtraum fühlt man sich gefangen, unheilschwangere Schatten türmen sich auf und am Ende fragt sich nicht nur Sänger Nico „Am I sleeping?“…

Was bei „Amphibian Halo“ gerade noch so beunruhigend endete, erfährt gleich darauf mit „The chameleon defect“ eine harmonische Wandlung, sanfte Melodien umfangen einen, schmeichelnde Pianoklänge wiegen einen in Sicherheit und laden zu losgelösten Gedanken und entspanntem Zurücklehnen ein. Doch urplötzlich brechen rasende Gitarren in das musikalische Stillleben, duellieren sich mit treibenden Drums und bizarren Passagen, nur um dann erneut unerwartet innezuhalten und Luft holend Platz für besinnliche Parts zu machen. Und erst am Ende des Songs, wenn der letzte Ton leise verhallt, wird einem der Instrumentalcharakter dieses Stücks so richtig bewusst und man staunt ob der Spannung, welche trotz fehlender Vocals aufgebaut wurde. Vielleicht könnte man „The chameleon defect“ am ehesten mit einem experimentellen Film vergleichen, ungewöhnlich und dennoch spannend, anders und trotzdem seltsam vertraut – wie ein Gewitter vom Moment der unnatürlichen Stille über blendende Explosionen bis hin zum beruhigenden Atemholen, wenn der letzte Blitz und das letzte Donnergrollen verklungen sind. Beeindruckend, gefährlich, verstörend und dennoch fast süchtig machend faszinierend!

Nur drei Beispiele, doch stellvertretend und aussagekräftig genug für ein komplett großartiges Album voller Intensität, Experimentierfreude und vor allen Dingen mit einer gehörigen Portion Mut eingespielt. Denn was die Leipziger hier abliefern, das ist ganz großes (Kopf-)Kino und wäre “Grave Human Genuine” ein Film, so müsste man ihn vielleicht mit Werken wie “Pan’s Labyrinth” oder dem guten alten “Blade Runner” in der Director’s Cut-Version vergleichen – derartig fesselnd, beeindruckend in den akustischen Bildern und mit unerwarteten Wendungen aufwartend präsentiert sich das neue Werk! Wollte man überhaupt Vergleiche zu anderen Künstlern anstellen, so würde man recht schnell bei Größen wie Tool, Porcupine Tree oder auch neueren Opeth-Songs wildern müssen. Und wenn man überhaupt in irgendeiner Form Kritik an dieser Scheibe üben kann und will, dann vielleicht in der Form, dass es kein Doppel- oder Triple-Album geworden ist – ansonsten distanziert sich der Autor dieser Zeilen von jeglichen kritischen Tönen, sondern freut sich über ein tolles Werk einer überaus kreativen und sympathischen Formation, von der man auch in Zukunft hoffentlich noch viel hören wird und die noch viel mehr Aufmerksamkeit von allen Liebhabern progressiver, düstermetallischer und doomig-rockender Töne verdient hätte. Alle Daumen hoch, ab in den Laden und kaufen, kaufen, kaufen!!!

Tracklist:

1. Stampede
2. Flies in Amber
3. Thornchild
4. Rapid Eyes Moment
5. Amphibian Halo
6. The Chameleon Defect
7. Free of You
8. Papillion
9. 29

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