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„1.Mai – Helden bei der Arbeit“ | Episode 2: „Yavuz“

27. April 2008

„Für vier Stunden war Kreuzberg die einzige anarchistische Hochburg auf der ganzen scheiß Welt.“ Berlin, 1. Mai 1987: Der Supermarkt Bolle wird geplündert und anschließend angezündet: Die Filiale brennt bis auf die Grundmauern nieder. Politische Motivation für die Autonomen war der Volkszählungsboykott, doch nicht nur die mischten mit. Ein zunächst friedlicher Tag der Arbeiter kippte um etwa 16 Uhr mit einem umgeworfenen Streifenwagen und polizeilichen Gegenmaßnahmen in Form von Tränengas und Schlagstöcken. Gegen Abend wurde auch das Straßenfest von zunächst einzelnen Gewaltaktionen erfasst, wenig später folgten größere Maßnahmen wie Straßenbarrikaden oder Vandalismus an Bahnhöfen. Dabei heißt es in der Wikipedia: „An den Ausschreitungen und vor allem den Plünderungen beteiligen sich Personen aus unterschiedlichsten Bevölkerungskreisen und Altersgruppen“.

Heutzutage ist von Ausschreitungen solchen Maßes nichts mehr zu spüren.
1.Mai - Harry und Yavuz
Der Film spielt neun Jahre später.

Harry ist einer dieser Altlinken – er langweilt sich. Und wird dieses Jahr doch wieder Barrikaden bauen. Der elfjährige Yavuz ist einer von vielen Türken Kreuzbergs – er langweilt sich. Und will dieses Jahr auch mal „einen Bullen plattmachen“.

Heute sind etwa ein Drittel der Bewohner Kreuzbergs Türken, vor allem im sozialen Brennpunkt „SO 36“ beheimatet. Was dem Leipzig sein Connewitz ist dem Berlin sein Kreuzberg, nur größer mit ein bisschen mehr „Bambule“. Man kann es wohl nur richtig fassen, wenn man selbst Ende der 80er in den 160.000-Seelen-Stadtteilen zugegen war. Oder man hört und sieht Leuten wie Harry zu. Mit ihm hat man das Gefühl, da steht die Chronik Kreuzbergs vor einem, die einmal im Jahr hervorgekramt wird, um die Geschichte eines bestimmten Tages fortzuschreiben. Eine sehr gelungene und authentische Figur in meinen Augen. Und Peter Kurth passt hier wie kein anderer: Er spielt den Harry irgendwo zwischen unbekümmerter Einfachheit und tiefer Spiritualität, vielleicht ist es aber einfach nur Kult. Da MUSS doch entweder einer Pate gestanden haben oder Episodenregisseur Sven Taddicken war selbst stets zum 1. Mai in Kreuzberg gewesen!?

Sven Taddicken: Es freut mich sehr, dass Harry berührt. Ich selbst war 1987 gerade mal 13 und in einem anderen Teil der BRD unterwegs. Aber ich und mein Drehbuchautor Michael Proehl haben uns natürlich mit Leuten unterhalten, die damals dabei waren. Wir sprachen über die Kohlregierung, die Volkszählung 87 und natürlich über Bolle. Aber da ging es mir aber in erster Linie um allgemeine Recherche für den Film. Ich wusste noch nicht viel über meine Geschichte um Yavuz und was und wer ihm bei seiner Reise durch Kreuzberg begegnen würde. Dann erzählte mir ein befreundeter Schauspieler von einem Bekannten, der im angetrunkenen Zustand gerne aus dem Nichts heraus Barrikaden auf öffentlichen Strassen aufbaut. So entstand Harry.

Ein so ungleiches Gespann wie Yavuz und Harry. Kann das gut gehen? Man läuft sich über den Weg, baut ne Barrikade, trinkt ein Bier, Yavuz will immer noch seinen Bullen umlegen. Harry ist so etwas egal. Er schwelgt in der Vergangenheit mit respekterfülltem Blick auf eine Flasche Charlottenburger Pilsener aus der Engelhardt-Brauerei, ein Andenken aus der Plünderung vom Getränke Hoffmann 1988.
Was friedlich begann, eskaliert wenig später ohne bestimmten Grund: eine Stahlschleuder, ein Scheibenhammer, Scherben und Blut. Dabei wollte Yavuz doch nur beweisen, dass er ein richtiger Kerl ist. Gespielt wird der junge Mann übrigens von Cemal Subasi, den man salopp gesagt „von der Straße“ geholt hat. Ein echter Kreuzberger, und er macht seine Sache sehr gut. Ich frage mich, wie denn so ein Streetcasting abläuft und wie der Umgang mit einem elfjährigen Laien beim Film vonstatten geht…

Sven Taddicken: Cemal Subasi habe ich zusammen mit meiner Casterin Eva Vollmar in einem Kreuzberger Jugendzentrum entdeckt. Er war dort der kleine Star in einer Breakdance-Gruppe. Und genau das war eine gute Vorraussetzung für unseren Film. Er war es gewohnt, vor einem Publikum aufzutreten. Die Arbeit mit ihm war dann erstaunlich professionell. Ich habe es schon häufig erlebt, dass man jugendlichen Darstellern einen großen Gefallen tut, wenn man sie nicht wie unerfahrene Laien, sondern wie ihre Kollegen, bzw. professionelle Schauspieler behandelt. Cemal ist ein großes Talent. Er spielt nicht nur sich selbst, sondern versuchte auch sich in den Yavuz hineinzuversetzen.

Ihr hattet auch keine Drehgenehmigung für die drei Episoden!? Wieso, und was genau bedeutet das fürs Filmemachen?

Sven Taddicken: Unser Film sollte schnell und spontan entstehen. Niemand wusste, wie sich der 1.Mai entwickelt und was wir genau in den Kasten bekommen. Für das Filmemachen kann so eine Einschränkung wie ein Geschenk sein. Man ist den Zuständen völlig ausgeliefert und muss sich voll und ganz auf seine Darsteller verlassen. What you see is what you get. Sonst nix. Das ist zu Anfang etwas Beängstigendes. Aber im Endeffekt lernt man dabei, sich auf das wirklich Wesentliche zu konzentrieren: interessante Menschen und gute Geschichten.

Wer interessante Menschen in guten Geschichten erleben möchte, der sollte ab dem 30. April ein Kino in der Umgebung aufsuchen, dann wird nämlich “1.Mai – Helden der Arbeit” deutschlandweit zu sehen sein.

http://www.erstermai-derfilm.de

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