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„1.Mai – Helden bei der Arbeit“ | Episode 1: „Uwe“

26. April 2008

„Uwe, was bistn du für’n Mann?!“ Sekundenbruchteile zuvor stieg seine Ehefrau aus dem Wagen des Metzgersohns. Und das ausgerechnet am 1. Mai… Uwe muss weg, wie jedes Jahr ruft der Polizeieinsatz in Berlin-Kreuzberg zur Deeskalation. Wir begleiten den jungen Polizisten und schauen ihm über die grüne Schulter und sehen zunächst nicht viel: Die wilden Zeiten glühender Straßenkämpfe mit Barrikaden, fliegenden Fäusten, Scherben und Steinen scheinen weitestgehend vorbei zu sein, denn der Demonstrationstag beginnt in Kreuzberg äußerst gelassen. Trotz der Tatsache, dass man der Staatsgewalt dabei zusieht wie sie sich langweilt, wird einem selbst nicht langweilig, denn man darf Mäuschen spielen und der Polizei dabei zusehen, wie sie an einem solchen Tag im Inneren aussieht: ein wenig witzelnd, ein wenig überheblich, gelassen, menschlich allemal… Doch wie sieht es mit so expliziten Darstellung von internen Sichten der Staatsgewalt aus? Braucht man da keine Genehmigung, die Polizei derart darstellen zu dürfen?
Der Regisseur gibt Antwort:

1. Mai - UweJakob Ziemnicki: Wir haben keine explizite Genehmigung eingeholt. Das wäre auch nicht im Sinne einer freien Kunst, denn am Ende ist es in erster Linie ein fiktionaler Film. Wir haben uns aber schon bemüht, die Abläufe, Texte, Redensarten der Polizei zu recherchieren. Die Polizisten waren auch mehr als kooperativ. Und dass dort Kollegen in den Puff gehen, das muss wohl offenbar tatsächlich mal passiert sein, jedenfalls ergaben das die Recherchen von meinem Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg. Ich finde auch nicht, dass wir ein schlechtes Bild der Polizei zeichnen, eher ein in Kino und TV ungesehenes. Wenn man über den 1. Mai läuft und in die Hinterhöfe schaut, wo die Polizisten stationiert sind, dann verhalten sie sich, wie bei uns im Film. Sie warten und langweilen sich, spielen Karten, essen Döner oder Pizza, sonnen sich… Wir haben sogar genau auf dem selben Hof gedreht, auf dem die Polizei nun schon seit drei Jahren stationiert wird.

Achja, der Puff, da war doch was. Uwe will eigentlich gar nicht dort hin, die Kollegen halten das jedoch für eine gute Idee, denn wenn jemand der Stärkere in einer Beziehung ist, dann ist das ganz klar der Mann!?! Eine Denkzettel für die Ehefrau, ein Schub für Uwes Ego. Doch das mag alles nicht so glücken: eine gebrochene Nase, eine verlorene Pistole, eine Schlägerei… Von wegen Deeskalation! Es endet für den Unglücklichen im Urban-Krankenhaus Kreuzberg, wo man letztlich auch die Protagonisten der anderen beiden Episoden wiederfindet. Der größte Unglücksrabe scheint jedoch dieser Ordnungshüter zu sein. Was also macht diesen Loser mit seinen Hemmungen und Beziehungsproblemen so darstellenswert?

Jakob Ziemnicki: Ich empfinde Uwe gar nicht als einen derartigen Loser. Wahrscheinlich gibt es in Deutschland Millionen Uwes, die auch 10% zu nett, 10% zu träge, 10% zu dick sind. Gerade das macht ihn zu einem Sympathieträger. Wir kennen doch alle diese Momente, wo einem das Leben aus der Kontrolle gerät, wo man zu spät Stopp sagt. Genau das ist Uwes Problem. Und aus seiner Unsicherheit folgt er leider dem ein oder anderen falschen Ratschlag mit fatalen Folgen. Aber so ist das Wesen einer Tragikkomödie. Ich bin mir aber total sicher, dass Uwe nach diesem Tag einiges in seinem Leben ändern wird.

Zumindest hat er etwas ganz Entscheidendes gelernt: „Man kauft Frauen keine Schuhe. Dann laufen sie weg.“

1. MaiZu guter letzt bleibt ein Ausblick auf die anderen beiden Episoden, deren Szenen sich mit denen der Uwe-Story angenehm bruchlos abwechseln. Zwei weitere Teams waren nämlich am 1. Mai 2006 mit der Kamera unterwegs, um völlig unabhängig voneinander die Erlebnisse sehr verschiedener Individuen an jenem Stichtag einzufangen. Sie vereint lediglich der Hang zur Unüberlegtheit und eine Mütze voll Pech. Doch ganz so unabhängig voneinander kann das Ganze auch nicht sein. Gerade im Nachhinein wurde wohl viel am Film herumgeschraubt. Schließlich wirkt alles erstaunlich harmonisch (wenn man bei einem aktionsgeladenen Film wie „1.Mai…“ überhaupt von Harmonie sprechen kann) und selbst beim Dreh muss es Absprachen gegeben haben. So tritt Hannah Herzsprung als Punkerin “Ratte” mal in der Geschichte “Uwe” und mal im “Ausflug” auf, die „Türken-Gang“ macht sowohl Bekanntschaft mit den beiden Hauptfiguren aus der Episode „Ausflug“ als auch mit dem jungen Yavuz…

Jakob Ziemnicki: Da muss man unterscheiden. Die Dreharbeiten am tatsächlichen 1. Mai fanden wirklich total unabhängig und parallel statt. Jeder war für sein Zeug zuständig. Aber das war ja nur ein Teil des Gesamtfilms. Der Hauptdreh war dann ca. ein halbes Jahr später im Herbst 2006. In der Zwischenzeit haben wir natürlich geschaut, was man als verbindende Elemente verwenden kann, z.B. Ratte oder die Nebi Gang. Wir kannten auch schon immer die Drehbücher der Kollegen und waren im Austausch. Die eigentliche Arbeit fand aber im Schnitt statt, der dann auch gute vier Monate dauerte. Alle zusammen! Dort ist es uns dann tatsächlich gelungen dem Film eine Handschrift zu verpassen. Wir waren selber erstaunt, wie gut die Geschichten in einander greifen, wie ähnlich die Grundkonflikte waren. Aber es war auch harte mühsame Arbeit, die sich jetzt da der Film auf der Berlinale lief und nun in die Kinos kommt total gelohnt hat. Und wer weiß in fünf Jahren, machen wir den Wahnsinn wieder.

Vier Regisseure, drei Episoden. Wer meint, zu viele Köche verderben den Brei, der sei ab dem 30. April eines Besseren belehrt. Dann wird „1.Mai – Helden der Arbeit“ deutschlandweit in den Kinos anlaufen.

http://www.erstermai-derfilm.de

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