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„Pearl Jam 20“ – Kinovorführung @ Cineplexx Reichsbrücke, Wien | 20.09.2011

23. September 2011

Das Jubiläum:
Die in Seattle beheimatete Rockformation Pearl Jam hat sich zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen einiges einfallen lassen. Schon im Januar 2011 veröffentlichte sie mit „Live On Ten Legs“ eine weitere Liveplatte. Livekonzerte zum Jubiläum [inklusive Gastauftritten von Freunden wie Chris Cornell (Soundgarden, Audioslave) und Josh Homme (QOTSA)] der ersten Veröffentlichung, dem mittlerweile millionenfach verkauften Debutalbum „Ten“ sowie ein Gratisdownload des neuen Songs „Olé“ auf der offiziellen Internetseite der Band folgten. Nachdem der dazugehörige Soundtrack im deutschsprachigen Raum schon am 16. September veröffentlicht wurde, folgten die Woche darauf Kinovorstellungen der neuen Band-Dokumentation rund um den Erdball.

Der Regisseur:
Regisseur, Drehbuchutor und früherer Musikjournalist Cameron Crowe („Almost Famous“, „Jerry Maguire – Spiel des Lebens”) nahm sich für „PJ 20“ tonnenweise Bildmaterial vor, woraus – von aktuellen Interviews begleitet – schlussendlich der etwa zweistündige Dokumentarfilm entstand.

Der Film:
Die Geschichte Pearl Jams beginnt mit Green River, der Band, in der Jeff Ament (Bass) und Stone Gossard (Gitarre) gemeinsam mit späteren Mitgliedern der Gruppe Mudhoney musizierten. Nachdem sie sich aufgelöst hatte, gründeten die beiden eine neue Band namens Mother Love Bone. Deren Sänger, Andrew Wood, verstarb jedoch am 19. März 1990 an einer Überdosis Heroin. Ein Schock für Gossard, Ament und Woods Mitbewohner Chris Cornell.

Den Schicksalsschlag mehr schlecht als recht verdaut, nahmen Gossard und Ament mit Hilfe von Mike McCready (Gitarre) und Soundgarden-Schlagzeuger Matt Cameron neue Songideen auf, jedoch ohne Sänger. Dank Jack Irons, in den 80er Jahren Schlagzeuger der Red Hot Chili Peppers und späterer Pearl Jam-Trommler, landete eine MC der Demoaufnahmen bei Eddie Vedder, der damals noch in San Diego wohnte. Er schrieb Lyrics zu den rein instrumentalen Aufnahmen, sang seine Ideen ein und sendete sie an die Band. Die waren von seiner Stimme so angetan, dass sie ihn nach Seattle bestellten, wo man sofort zu proben begann und ein paar Tage später schon den ersten gemeinsamen Gig spielte.
Chris Cornell hatte mittlerweile einige Lieder für seinen verstorbenen Freund Andy Wood geschrieben und wollte diese gemeinsam mit Freunden und früheren Wegbegleitern Woods aufnehmen. Aus diesen Sessions mit Mitgliedern von Soundgarden und Pearl Jam (inkl. dem bis dahin recht schüchternen Neuling Vedder) entstand das Album „Temple Of The Dog“, vor allem bekannt aufgrund zweier Songs, die immer wieder den Weg auf die Setlisten von Vedder & Co. finden sollten: „Hunger Strike“ und „Say Hello 2 Heaven“.

Pearl Jam Twenty Trailer 2011:

Der Titel des Debutalbums “Ten” (1991) leitete sich von der Rückennummer des Basketballspielers Mookie Blaylock ab, nach dem sich die Band zuerst benannte. Vor allem auch durch den Erfolg von Nirvana und deren Album „Nevermind“, das dieser Tage zu seinem zwanzigjährigen Jubiläum als Deluxe-Edition wiederveröffentlicht werden wird, wurden Fans und Medien auf weitere Bands aus Seattle aufmerksam. „Ten“ enthielt drei erfolgreiche Singles: „Alive“, „Even Flow“ und „Jeremy“. Der erstgenannte Titel nahm stark autobiographische Züge an, erfuhr Eddie Vedder doch erst nach dem Tod seines leiblichen Vaters, dass der Mann, den er für seinen richtigen Vater hielt, in Wahrheit nur sein Stiefvater war. Seinen biologischen Vater durfte Eddie nur als einen Freund der Familie kennenlernen. Das Geheimnis wurde erst nach dem Ableben seines Erzeugers preisgegeben.

„Jeremy“, oftmals als größter Pearl Jam-„Hit“ gehandelt, erzählt wiederum die Geschichte eines gepeinigten Jungen, der im Klassenzimmer Selbstmord begeht. Inspiriert wurden die Texte hierbei von einem Zeitungsartikel, den Vedder zu dieser Zeit las.

1992 bestritt die Band unter anderem einen Auftritt bei MTV Unplugged-Auftritt 1992. Dieser wurde der Wiederveröffentlichung des Debuts in den Nullerjahren als DVD als Kaufanreiz hinzugefügt.

Zunächst noch überwältigt vom Erfolg nahm die Band jede Gelegenheit war, um live zu spielen und Interviews zu geben. Weitere Veröffentlichungen [“Vs.” (1993) & “Vitalogy” (1994)] folgten. Vor allem Vedder wurde dieser Stress allmählich zu viel. Die Band spielte außerdem immer öfter in nicht nüchternem Zustand und die Medien stürzten sich förmlich auf sie.

Pearl Jam zogen sich vom doch oft oberflächlichen Medienrummel zurück und gaben jahrelang nur vereinzelt Interviews und verweigerten bis zur Single „Do The Evolution“ aus dem 1998 erschienenen Album „Yield“ die Anfertigung jeglicher Musikvideos.

Sie hinterfragten zudem das Monopol des amerikanischen Konzertticket-Anbieters „Ticketmaster“ und verlangten fairere Kartenpreise für ihre Fans – und waren hierbei allein auf weiter Front. Der Film zeigt Gossard und Ament beim Prozess. Eine Szene, die das Ende des Prozesses erahnen ließ: Unverständnis wurde ihnen zu Teil. Den Prozess verloren sie.

Da nahezu alle großen Veranstaltungsorte Exklusiv-Verträge mit „Ticketmaster“ hatten, nahmen Pearl Jam die Organisation ihrer Tourneen selbst in die Hand. Ein zusätzlicher Stress, der so viel Zeit in Anspruch nahm, dass für Organisatorisches mehr Aufwand nötig war als gewollt.

Ein kurzer Abschnitt des Films beschäftigt sich mit dem Schlagzeugerverschleiß der Band. Dave Krusen (später spielte er in Vedders Nebenprojekt Hovercraft und bei Unified Theory) und Matt Chamberlain (später u.a. Studiomusiker für Tori Amos, David Bowie und Morrissey) waren nur kurz dabei, ihnen folgten Dave Abbruzzese (1991-1994) und Jack Irons (1994-1998). Irons wollte nach den Aufnahmen zu „Yield“ nicht auf Tour gehen und verließ die Band. Ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte, war doch Matt Cameron nach der Auflösung Soundgardens gerade wieder zu haben. Er ist das erste Mal auf der Liveplatte „Live On Two Legs“ (1998) zu hören. Sein Einstieg verhalf Pearl Jam spätestens hier zu ihrem Ruf als exzellente Liveband.

Die Veröffentlichung von “Binaural” im Jahre 2000 markierte PJs Rückkehr in die großen Hallen, die dazugehörige Tour schien ein voller Erfolg zu werden.

Jedoch kam es nach Andrew Woods Tod zum zweiten Tiefpunkt in der Karriere der Bandmitglieder. Bei ihrem Auftritt am 30. Juni 2000 auf dem alljährlichen dänischen Roskilde-Festival kam es zu einem Unfall, bei dem neun Fans ums Leben kamen. Das Konzert und die Tour wurden daraufhin abgebrochen. Vedder erklärt in der Dokumentation, dass man, wenn man den Werdegang der Gruppe aufteilen müsste, von den Prä- und Nachroskilde-Pearl Jam sprechen müsste. Das Ende der Band stand zu dieser Zeit auch im Raum, die Gedanken der Gruppe kreisten lange Zeit um diesen Vorfall.

Nach einer längeren Pause fand sich die Band jedoch wieder zusammen und nahm das stark von der Präsidentschaft George W. Bushs beeinflusste, 2002 veröffentlichte, Album „Riot Act“ auf. Hierbei ließ es sich die Band nicht nehmen, ihre Meinung über den nunmehrigen Ex-Präsidenten Ausdruck zu verleihen, wofür sie auch ab und zu von Teilen des Publikums ausgebuht wurden. Eine Performance des recht eindeutigen Stückes „Bu$hleaguer“, bei dem sich Vedder eine Bush-Maske aufsetzte und harsche Kritik am damaligen Staatsoberhaupt äußert, („A Confidence Man/But Why So Beleaguered?/ He’s Not A Leader, He’s A Texas Leaguer“) stellt die plötzliche Entzweiung des Publikums in Bushanhänger und –gegner auf der „Riot Act“-Tour eindrucksvoll dar.

Generell zeigt der Film, dass Pearl Jam immer wieder ihren eigenen Weg gegangen sind und ihre Meinung über die Jahre hinweg kundgaben. Sei es der Prozess gegen Ticketmaster, die Abkehr vom Medienrummel, seien es Liedtexte wie „World Wide Suicide“ oder „Army Reserve“, das Engagement für ein freies Tibet oder der Protest gegen die Verurteilung der „West Memphis Three“ 1: Diese Band versteckte sich und ihre Meinung nie. Womöglich bestärkt wurden sie in dieser Haltung um das Jahr 1995, als sie mit Neil Young das Album „Mirror Ball“ aufnahmen und mit ihm auch auf Tour gingen.

Pearl Jam @ VH1 Rock Honours – The Who 2008:
http://www.youtube.com/watch?v=sWdUuojeTl8

Die Raritätensammlung “Lost Dogs” (2003) und die Alben “Pearl Jam” (2006) und „Backspacer“ (2009) folgten. Als besonders gelungen kann der Auftritt bei „VH1 Rock Honours: The Who“ gesehen werden, bei dem PJ zwei Lieder des The Who-Films „Quadrophenia“, „The Real Me“ und „Love Reign O’er Me“ intonierten.

In der Doku nicht außerordentlich berücksichtigt wurden die Soloalben und Nebenprojekte der Bandmitglieder, die aus meiner Sicht ebenfalls empfehlenswert sind: Da wäre zum Beispiel Eddie Vedders Soundtrack zu Sean Penns Roadmovie-Drama „Into The Wild“ (2007), seine Soloplatte „Ukulele Songs“ und die Live-DVD „Water On The Road“ (beide 2011). Im Film unerwähnt blieb Mad Season, ein Projekt, bei dem McCready u.a. mit dem mittlerweile verstorbenen Alice In Chains-Sänger Layne Staley (Anspieltipp: „River Of Deceit“) kollaborierte. Gossard hat außerdem 2010 sein Projekt Brad mit dem Album „Best Friends?“ wieder ins Leben gerufen. Die Reunion von Soundgarden (inkl. Matt Cameron) dürfte keinem Leser/keiner Leserin dieser Zeilen entgangen sein.

Fazit:
Cameron Crowe hat mit „PJ 20“ einen höchst interessanten Einblick in die Bandgeschichte zustande gebracht, der die große Stärke der Band – die Liveperformance – immer wieder in den Mittelpunkt rückt. Der oben bereits erwähnte Mut, Missstände aufzuzeigen – sei es nun in den Liedtexten oder außerhalb ihrer musikalischen Profession – und der anhaltende künstlerische Appetit dieser eindrucksvollen Band (siehe/höre Gratisdownload „Olé“) geben Grund zur Annahme, dass Pearl Jam uns auch in Zukunft noch viel Freude bereiten werden! Die DVD-Veröffentlichung der Dokumentation ist für Oktober dieses Jahres angedacht.

Pearl Jam im Internet:
Offizielle Homepage: www.pearljam.com
Facebook: www.facebook.com/PearlJam
MySpace: www.myspace.com/tenclub

1 Bei den „West Memphis Three“ handelt es sich um drei Männer, die 1993 – damals selbst im Teenageralter – Morde an drei achtjährigen Buben begangen haben sollen. Sie wurden 1994 verurteilt, obwohl – so die Kritik an dem Urteil – genetische Beweise dagegen sprachen. Der älteste Verurteilte wurde mittels Giftspritze getötet, die beiden weiteren Beschuldigten kamen ins Gefängnis. Den Dreien wurden satanistische Handlungen vorgeworfen. „Argumentiert“ wurde dies anhand deren Kleidungs- und Musikgeschmacks. Die beiden verbliebenen Beschuldigten wurden schlussendlich am 19. August 2011 aus dem Gefängnis entlassen. Dieser Fall gilt gemeinhin als Justizirrtum.

4 Kommentare

  1. Klasse Rückschau, da passt es ja, dass ich mir für den SHM-CD-Soundcheck Eddies „Ukulele Songs“ herausgegriffen hatte 😉 (Btw, wie findest du die?) Was den Film hier angeht, kann ich wahrscheinlich ewig warten ehe der in die Chemnitzer Kinos kommt. Ich hol mir dann im Oktober wohl die DVD…

    #3440
  2. Sharif

    Den Film haben sie nur am 20.9. gespielt, gibt keine weiteren Kinovorstellungen des Films. War bei den Peppers und den Foo Fighters genauso. Man will ja auch noch die DVD verkaufen. Durch Dokumentationen die Verkäufe zu steigern…das versuchen nun auch U2. Liegt gerade schwer im Trend. Noch gefällt mir das!

    Ich mag die Soloplatte sehr sehr gern, besonders „Can’t Keep“ auf Ukulele…hat was! Brauche es dann aber auch malwieder etwas rockiger. Hab mir aus den offiziellen Bootlegs auch schon wieder eine eigene Compilation zusammengestellt :)

    #3443
  3. Jana Legler

    Aber nur du! :)

    #3445

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